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London - 58.309 Zuschauer im The Den sahen an diesem lauen Maiabend einen FC Millwall, der nicht nur gewann, sondern Southampton regelrecht zerlegte. Das 3:0 liest sich klar - und war es auch. Während die "Lions" schnurrten, wirkten die "Saints" eher wie ein Chor ohne Dirigent. Von Beginn an zeigte sich Millwall mit jener Mischung aus kontrollierter Aggression und Geduld, die Trainer Sonny Crocket nach dem Spiel "britische Gelassenheit mit Biss" nannte. 19 Torschüsse, 55 Prozent Ballbesitz, 57 Prozent gewonnene Zweikämpfe - Zahlen, die nur einen Schluss zulassen: Hier war ein Team bereit, Arbeit in Schönheit zu verwandeln. Den Auftakt machte in der 36. Minute Daniel Darabont. Der flinke Linksaußen nutzte einen Pass von Alexander Mayhew, zog einmal kurz nach innen und versenkte den Ball so trocken, dass manche Fans erst jubelten, als der Ball schon wieder im Netz zappelte. "Ich dachte, der Torwart hätte ihn noch - aber dann hörte ich das Netz rauschen", grinste Darabont später, während ihm ein Ordner auf die Schulter klopfte. Kurz darauf wurde es rauer. Samuel Bloomfield sah Gelb, und Schiedsrichter Harper hatte Mühe, die Emotionen auf beiden Seiten im Zaum zu halten. Southampton versuchte, körperlich zu antworten - und kassierte die Quittung in Form dreier Gelber Karten, ehe Carles Ordono in der 83. Minute mit Gelb-Rot endgültig Feierabend hatte. "Ich wollte nur den Ball spielen", sagte er nach dem Spiel, "aber leider war der Ball schon beim Gegner." Bis dahin hatte Millwall längst die Kontrolle übernommen. Mayhew, der zentrale Mittelfeldmann, war das Herzstück des Spiels. Jeder Angriff lief über ihn, jeder Pass schien eine Einladung zum Tanz für die Offensiven zu sein. In der 80. Minute bediente er Elliot Lockwood, der sich, 33 Jahre alt und offenbar ohne Lust auf Frühverrentung, den Ball zurechtlegte und aus 20 Metern flach ins rechte Eck schlenzte. 2:0 - und das Stadion bebte. Trainer Crocket schüttelte an der Seitenlinie ungläubig den Kopf. "Elliot schießt sonst nur im Training so präzise - und da meistens über die Mauer hinweg in meinen Kaffeebecher." Southampton-Coach Michael Böning reagierte mit einem Doppelwechsel in der 60. Minute und brachte Jan Ovesen und Theo Whitman. Viel änderte das nicht. Drei Torschüsse in 90 Minuten sprechen eine deutliche Sprache: Die Offensive war harmlos, die Defensive überfordert. "Wir haben offensiv gedacht, aber defensiv vergessen, wo wir sind", kommentierte Böning mit einem gequälten Lachen. In der 88. Minute setzte Mayhew selbst den Schlusspunkt. Nach einem Vorstoß von Linksverteidiger Joel Satchmore kam der Ball über Umwege zu ihm zurück. Mayhew nahm Maß - und vollendete mit einem Schuss, der so seidenweich war, dass selbst der gegnerische Torwart Brandon Lithgow kurz applaudierte, bevor er den Ball aus dem Netz fischte. 3:0 - endgültig vorbei. "Er ist unser Taktgeber, unser Dirigent, unser kleiner Beethoven im Mittelfeld", schwärmte Crocket nach dem Spiel über Mayhew. Der angesprochene grinste nur: "Ich spiele lieber mit dem Ball als mit Noten." Der Rest war Jubel, Gesang und ein Southampton, das wohl froh war, als der Schlusspfiff kam. 58.000 Kehlen sangen, Millwall spielte weiter, als wolle man noch ein viertes Tor erzwingen - nicht aus Notwendigkeit, sondern aus purer Freude am Spiel. Zahlen lügen selten, und in diesem Fall erzählen sie eine Liebesgeschichte: 19 zu 3 Torschüsse, 55 Prozent Ballbesitz, drei Tore, null Gegentreffer. Millwall hatte das Spiel nicht nur gewonnen, sie hatten es komponiert. Zum Schluss blieb nur noch eine Frage: Warum eigentlich DEFENSIVE als Taktik im Plan? Sonny Crocket zwinkerte: "Defensiv heißt bei uns nur, dass wir den Ball lieber behalten als herschenken." Und so verabschiedete sich Millwall an diesem 19. Spieltag der 1. Liga England mit einem Statement: Wer gegen sie spielt, sollte besser mehr als drei Torschüsse parat haben - und vielleicht auch ein Stoßgebet. Denn The Den war an diesem Abend kein Stadion, sondern eine Bühne. Und Alexander Mayhew der erste Geiger in einem Orchester, das Southampton an die Wand spielte. 16.01.644000 08:12 |
Sprücheklopfer
Wir sind nur Underducks.
Rainer Calmund