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Es gibt Fußballabende, bei denen man nach zwanzig Minuten bereits weiß, wohin die Reise geht. Der Achtelfinalabend an der The Den in London gehörte genau in diese Kategorie. 59.000 euphorisierte Zuschauer sahen einen FC Millwall, der vom Anpfiff weg wie unter Strom stand - und einen SK Sturm, der wohl noch immer auf den Flugplan starrte, als der Ball schon im Netz zappelte. Am Ende hieß es 3:0 (2:0) für die Engländer, und ehrlich gesagt: Es hätte schlimmer kommen können für die Gäste aus Graz. Schon nach drei Minuten donnerte Elliot Lockwood den ersten Warnschuss Richtung Torwart Niclas Krug. Der Ball landete zwar auf der Tribüne, aber das war nur der Auftakt zu einer regelrechten Belagerung. Fünf Minuten später versuchte es Tyler Boyle, der später noch eine Hauptrolle spielen sollte. SK Sturm? Kam in der Anfangsphase kaum über die Mittellinie - und wenn doch, dann nur, weil Daniel Wiltshire aus der linken Verteidigung einfach mal draufhielt. In der 15. Minute brach dann der Damm. Christopher Thackeray, quirlig wie ein Teenager auf Koffein, narrte seine Gegenspieler und legte quer auf Boyle. Der 29-Jährige schlenzte den Ball mit rechts ins lange Eck - 1:0. Krug warf sich, als wollte er das Tor noch nachträglich verhindern, aber es half nichts. "Ich hab einfach gespürt, dass es passt", grinste Boyle später. Trainer Sonny Crocket stand an der Seitenlinie, kaute auf seinem Kaugummi und sagte trocken: "Genau so haben wir’s im Training nicht geübt." SK Sturm reagierte mit Wut, aber ohne Struktur. Bruno Sorribas prüfte Torwart Ethan Caviness einmal, dann war wieder Millwall dran. Die Engländer hatten 50,4 Prozent Ballbesitz, aber gefühlt den Ball ständig. In der 31. Minute folgte das 2:0: Joel Satchmore, sonst eher für rustikale Grätschen bekannt, marschierte über links, flankte butterweich - und Daniel Darabont köpfte, als wolle er ein Lehrvideo für Kopfballtechnik drehen. Zur Pause war die Messe eigentlich gelesen. Die Gäste blieben defensiv, spielten auf Konter, doch selbst die blieben Theorie. Trainer Nermin Muratovic versuchte es mit Motivationsrhetorik: "Jungs, wir müssen uns trauen!" - was bei Daniel Wiltshire nur ein resigniertes "Worauf denn?" auslöste. Nach dem Seitenwechsel änderte sich wenig. Millwall spielte weiter, als stünde ein Pokal im Regal bereit. Thackeray, Boyle und Darabont wirbelten, Riley Charpentier zog im Mittelfeld die Fäden. In der 68. Minute belohnte sich Thackeray selbst. Nach Pass von Charpentier stand er plötzlich frei und drosch das Leder in die Maschen - 3:0, Deckel drauf, Schleife drum. "Ich dachte, ich sei im Abseits, aber der Linienrichter hat mich wohl gemocht", witzelte Thackeray nach dem Spiel. Während die Fans auf den Rängen "Lööööööööwens!" brüllten, sah man bei SK Sturm ratlose Gesichter. Muratovic wechselte noch den 19-jährigen Marcus Seifert ein - wohl in der Hoffnung, dass jugendlicher Leichtsinn das Spiel retten könne. Tat er nicht. Auffällig: Trotz der klaren Niederlage lag SK Sturm in der Ballbesitzstatistik fast gleichauf (49,5 % zu 50,5 %). Nur: Was nützt Ballbesitz, wenn man nichts damit anfängt? Vier Torschüsse in 90 Minuten - das war eher Bewerbung für ein Fernschachturnier als für ein Europapokal-Achtelfinale. Millwall dagegen feuerte 20 Schüsse ab, als wolle man das Tornetz auf Materialermüdung testen. Drei Gelbe Karten würzten das Spiel: Clancy und Satchmore bei Millwall, Cohen bei Sturm. Letzterer kassierte sie nach einem Tackling, das eher an Rugby erinnerte. "Der Ball war doch da irgendwo", verteidigte er sich, und grinste dabei so unschuldig, dass man fast an ihn glauben wollte. Zum Ende gönnte Trainer Crocket seinen Helden Standing Ovations - und sich selbst eine Szene, die fast schon filmreif war. Als Alexander Mayhew und Benjamin Fryer in der Nachspielzeit eingewechselt wurden, rief er ihnen zu: "Jungs, bloß nichts mehr anstellen!" - und lachte dabei wie jemand, der weiß, dass seine Arbeit für heute getan ist. Nach dem Schlusspfiff herrschte ausgelassene Stimmung. "Das war Millwall pur: Aggressiv, laut, effektiv", fasste Crocket zusammen. Sein Gegenüber Muratovic hingegen wirkte, als bräuchte er einen sehr langen Spaziergang. "Wir haben zu viel Respekt gehabt. Und wahrscheinlich zu wenig Plan." In London feierten die Fans noch lange, während Sturm-Spieler mit gesenkten Köpfen in den Bus stiegen. Das Rückspiel in Graz wird zur Herkulesaufgabe - und wenn man ehrlich ist, müsste schon Odysseus persönlich im Mittelfeld auftauchen, um das zu drehen. Aber wer weiß? Im Fußball passieren bekanntlich Wunder. Nur gestern Abend eben nicht. 29.09.643996 12:11 |
Sprücheklopfer
Es ist mir völlig egal, was es wird. Hauptsache, er ist gesund.
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