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Es war einer dieser Abende, an denen der Vesuv hätte glühen können - nicht wegen Lava, sondern wegen Emotionen. 43.870 Zuschauer im Stadio Diego Armando Maradona erlebten eine Achterbahnfahrt der Gefühle, als der AC Neapel den US Brescia nach Rückstand mit 2:1 niederrang. Es war kein makelloser Triumph, eher ein zäher Tanz auf glitschigem Rasen - aber einer, der am Ende mit Applaus und Erleichterung endete. Dabei begann alles so gar nicht nach neapolitanischem Geschmack. Schon nach 36 Minuten traf Brescias Linksaußen Kai Craven eiskalt zur Führung. "Ich hab gesehen, dass der Keeper ein bisschen weit draußen war", grinste Craven später, "da musste ich einfach draufhalten." Gesagt, getan: ein Schuss, eine Führung, und das Stadion verstummte kurz wie bei einem plötzlichen Stromausfall. Neapel, das zuvor zwar 52,6 Prozent Ballbesitz, aber wenig Zielstrebigkeit gezeigt hatte, wirkte bis zur Pause ratlos. Coach Giovanni Diaco verschränkte die Arme, blickte in den Himmel - vielleicht um göttliche Eingebung zu erbitten. "Ich hab den Jungs gesagt: Wenn ihr so weiterspielt, müssen wir uns nach dem Spiel nicht über Taktik, sondern über Urlaubsziel unterhalten", verriet er halb im Spaß, halb im Ernst. Doch die Halbzeitpause wirkte Wunder. Diaco brachte Salvador de los Reyes für Alessandro Mango de Aquino und stellte auf mehr Offensivdruck um. Plötzlich lief der Ball flüssiger, die Pässe fanden Adressaten, und die 56. Minute brachte die Erlösung: Rechtsverteidiger Michael Poggi startete einen dieser Läufe, die man nur wagt, wenn man entweder Mut oder keine Ahnung hat. Seine Flanke fand Christopher Gady - und der drosch den Ball aus vollem Lauf unter die Latte. 1:1, und das Stadion sang wieder. Von da an war Neapel Chef im eigenen Haus. Elf Torschüsse standen am Ende zu Buche, Brescia kam nur auf sieben. Die Gäste hielten zwar tapfer dagegen, versuchten mit einem kompakten Mittelfeld um Samuel Barrymore und Pedro Meireles die Räume eng zu machen, doch je länger das Spiel dauerte, desto mehr drängte Neapel. In der 75. Minute brachte Diaco noch den 19-jährigen Vincenzo Fumagalli - offiziell als frischen Flügelspieler, inoffiziell als Zeichen: "Jetzt geht’s auf Sieg." Brescia-Trainer Peter Hess reagierte defensiv, nahm Sa Pint runter und brachte Damjanovic, doch die Entlastung blieb aus. Dann die 89. Minute - jene magische Fußballminute, in der Helden geboren oder Herzen gebrochen werden. Christophe Lehmann, der unermüdliche Mittelfeldmotor, sah den startenden Freddie Couture auf links. Ein Steckpass, präzise wie ein Skalpell - Couture zieht ab, Tor! 2:1! Das Stadion explodierte, Diaco rannte die Seitenlinie entlang, als wolle er selbst noch eingewechselt werden. "Ich wusste, dass der Ball reingeht", behauptete Couture später mit einem Lächeln, das deutlich machte, dass er selbst überrascht war. Torhüter Arpad Toth, der in der zweiten Halbzeit kaum noch etwas zu tun hatte, fiel seinem Torschützen nach dem Abpfiff in die Arme: "Endlich, Freddie!", soll er gerufen haben. Brescia versuchte in der Nachspielzeit noch einmal alles, doch ihre Offensivversuche wirkten wie das Aufdrehen einer Spielzeugfigur - viel Bewegung, wenig Wirkung. Drei Schüsse in den letzten fünf Minuten, aber ohne Fortune. Statistisch war das Spiel eng: 52,6 Prozent Ballbesitz für Neapel, 47,4 Prozent für Brescia, Zweikampfquote 51 zu 49 - Zahlen, die ein Remis rechtfertigen könnten. Doch am Ende entschied die Entschlossenheit. Oder, wie Trainer Diaco es ausdrückte: "Wir haben aufgehört, hübsch zu spielen, und angefangen, Fußball zu arbeiten." Peter Hess hingegen wirkte gefasst: "Wenn du in Neapel führst, weißt du, dass du den Vulkan nur kurz im Zaum hältst. Irgendwann bricht er aus." So brach er also aus - und Neapel feiert drei Punkte, die sich härter anfühlen als Granit. Für Brescia bleibt die Erkenntnis, dass man mit Mut bestehen kann, aber ohne Glück selten etwas mitnimmt. Und während die Fans noch jubelten, sagte ein älterer Neapolitaner auf der Tribüne zu seinem Enkel: "Siehst du, Junge, manchmal kommt das Schöne im Fußball erst in der 89. Minute." Der Kleine nickte - vielleicht ein neuer Fan, definitiv aber Zeuge eines typischen Neapel-Abends. Ein Sieg mit Drama, Pathos und Espresso-Geschmack - kurz: ein Fußballabend, wie er in Süditalien erfunden wurde. 31.01.644003 10:53 |
Sprücheklopfer
Ich mache immer das, was mir gesagt wird. Das habe ich im Osten gelernt.
Jens Jeremies