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Nevsehir dreht das Spiel - späte Erlösung in der Champions League

Es war einer dieser Abende, an denen man den Fußball wieder lieben lernt - oder ihn für ein paar Minuten verflucht, je nach Trikotfarbe. 79.500 Zuschauer im Nevsehir-Stadion sahen ein Spiel, das erst spät seinen Helden fand und die Nerven aller Beteiligten auf eine harte Probe stellte. Am Ende jubelten die Gastgeber über ein 2:1 gegen die Gresford Reds, das so dramatisch war, als hätte jemand den Drehbuchautoren der Champions League gesagt: "Macht’s bitte richtig spannend."

Die Partie begann mit viel Feuer - allerdings ohne Fortune für Nevsehir. Bereits in der 32. Minute war es Uzi Pizanti, der flinke rechte Mittelfeldmann der Reds, der sich ein Herz fasste und den Ball trocken ins linke Eck hämmerte. Nevsehirs Keeper Latif Kaynak flog zwar artistisch, aber eher für die Galerie. 0:1 - und das Stadion wurde kurzzeitig so still, dass man die Anweisungen von Trainer Mehmet Kaan bis in die oberste Tribüne hörte: "Bleibt ruhig, Jungs, das ist erst der Anfang!"

Ruhig blieben seine Spieler tatsächlich - vielleicht sogar zu ruhig. Denn obwohl Nevsehir mit 16 Torschüssen den fleißigeren Eindruck machte, wollte der Ball einfach nicht ins Tor. Seha Aurelio prüfte den Keeper der Reds schon in der ersten Minute, Sezer Özari tat es ihm gleich, und als Behram Kas in der 33. Minute gleich zweimal aus der Distanz abzog, schien es nur eine Frage der Zeit. Aber Gresfords Torwart Lewis Ackland hatte einen dieser Abende, an denen man den Ball offenbar magnetisch anzieht.

"Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft wir auf ihn geschossen haben", grinste Nevsehirs Kapitän Serhat Aydemir später. "Aber wir hatten das Gefühl, der Mann hat acht Arme."

Zur Pause führte also Gresford, und Trainer Christian Sonten sah auf der Bank erstaunlich entspannt aus. Sein Team kontrollierte mit 57 Prozent Ballbesitz das Geschehen, spielte lange Bälle über die Flügel und schien das Geschehen im Griff zu haben. Doch wer die Nevsehir-Mannschaft kennt, weiß: Die zweite Halbzeit ist ihr natürlicher Lebensraum.

In der 59. Minute brachte Kaan frische Kräfte: Agemar Mendo kam für den müden Behram Kas, später folgten Nestor Vazquez und Yaman Erdem. Letzterer sollte noch Geschichte schreiben. Die Wechsel verliehen Nevsehir neuen Schwung - und das Publikum roch plötzlich Blut.

In der 80. Minute war es dann so weit: Emil Musiala, bis dahin eher als Ballverteiler aufgefallen, fasste sich nach einer Vorlage von Mendo ein Herz und zog von der Strafraumkante ab. Der Ball flatterte, Ackland sah die Flugbahn spät - 1:1! Das Stadion explodierte, und Musiala rannte jubelnd zur Eckfahne, wo er sich mit einem breiten Grinsen in die Arme seiner Mitspieler warf.

"Ich hab’ einfach gespürt, dass der Moment da ist", sagte Musiala später. "Und ehrlich gesagt, ich wollte nicht schon wieder hören, wie Mehmet Kaan nach dem Spiel über unsere Chancenverwertung redet."

Doch die Geschichte war noch nicht zu Ende. Gresford wackelte, und Nevsehir roch die Wende. Sechs Minuten später folgte das Happy End: Yaman Erdem, gerade einmal 14 Minuten auf dem Platz, bekam eine butterweiche Vorlage von Musiala, nahm sie mit der Brust an und drosch sie mit dem rechten Fuß unter die Latte - 2:1!

Während das Stadion in Ekstase versank, griff Gresfords Trainer Sonten frustriert an die Wasserflasche. "Wir haben’s hergeschenkt", knurrte er später. "Ein Spiel dauert eben länger als 80 Minuten - das hätte ich meiner Mannschaft wohl nochmal sagen sollen."

Kurz darauf ließ sich Pizanti, der Torschütze der Reds, in der 87. Minute noch eine Gelbe Karte wegen Meckerns zeigen - sinnbildlich für die schwindende Nervenstärke seines Teams.

Die letzten Minuten waren ein einziges Zittern. Nevsehir verteidigte mit allem, was Beine hat. Selbst Stürmer Özari war plötzlich am eigenen Strafraum zu finden und brüllte: "Nicht schon wieder so ein 1:1!" Als der Schlusspfiff ertönte, war die Erleichterung greifbar.

Trainer Mehmet Kaan fasste es mit einem Lächeln zusammen: "Wir haben nicht schön gespielt, aber wir haben gespielt, bis der Ball endlich wollte." Und das wollte er - zweimal.

Statistisch gesehen war’s ein Spiel der Effizienz: Gresford hatte mehr Ballbesitz, Nevsehir die besseren Nerven. 16:12 Torschüsse sprechen für Offensivgeist auf beiden Seiten, aber die Tore erzählen eine andere Geschichte - von Geduld, Kampf und einem Hauch von Schicksal.

Und als die Fans noch immer sangen, schritt Yaman Erdem gemächlich Richtung Kabine und sagte zu einem Reporter: "Ich bin nur reingekommen, um frische Luft zu schnappen - und dann das."

So schreibt man Fußballmärchen. Und manchmal reicht dafür eine perfekte Brustannahme in der 86. Minute.

27.12.644002 15:11
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