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Es war eines dieser Spiele, bei denen man als Reporter nach 90 Minuten auf die Anzeigetafel schaut, tief durchatmet und sich fragt: "Wie steht’s eigentlich?" Die Antwort am 20. Spieltag der 1. Liga Deutschland lautete nüchtern: 1. FC Eschborn gegen Hannover - 0:0. Doch wer jetzt denkt, hier sei nichts passiert, der hat die Rechnung ohne 17 Torschüsse von Hannover gemacht - und ohne Eschborns Torhüter Ashton Carmody, der an diesem Abend offenbar beschlossen hatte, sich in eine menschliche Mauer zu verwandeln. Vor 55.615 Zuschauern im Eschborner Stadion entwickelte sich ein Spiel, das von Anfang an nur eine Richtung kannte: auf das Tor der Gastgeber. Bereits in der siebten Minute prüfte Henrich Hlinka den wackeren Carmody mit einem Schuss aus spitzem Winkel. "Ich hab kurz überlegt, ob ich ihm die Handschuhe ausleihen soll", frotzelte Hannovers Trainer Daniel Dietrich nach dem Spiel. Hlinka ließ sich davon nicht beirren und feuerte weiter - in der 10., 11. und 17. Minute. Das Resultat war jedes Mal dasselbe: Carmody, dieser unverschämte Spaßverderber zwischen den Pfosten, fischte alles weg. Eschborns Trainer Yas Sin stand an der Seitenlinie und dirigierte seine junge Truppe mit energischen Gesten. Kein Wunder - in seiner Startelf standen gleich mehrere U20-Spieler. "Wir wollten zeigen, dass Mut manchmal wichtiger ist als Erfahrung", sagte er später. Und Mut zeigte seine Mannschaft: Zwar tauchten sie nur selten vor Hannovers Kasten auf, aber wenn, dann mit Nachdruck. Oskar Mayr in der 19. Minute und Elliot Caroll in der 23. - zwei Schüsse, zwei kleine Lebenszeichen. Leider auch zwei harmlose Grüße an Hannovers Keeper Oscar Warriner, der sich mangels Beschäftigung zwischenzeitlich an den Pfosten lehnte. In der 34. Minute sorgte Linus Fritsch wenigstens für Farbe im Spiel - Gelb, um genau zu sein. Nach einem energischen Einsteigen gegen Hugo Assis notierte der Schiedsrichter den ersten Eintrag im Notizblock. Der Rest der Halbzeit? Eine Mischung aus Belagerung und Belohnung für Eschborns Defensivarbeit. Zur Pause stand es 0:0, und man hatte das Gefühl, Hannover könne noch bis Mitternacht schießen, ohne Carmody zu überwinden. Zur zweiten Halbzeit stellte Yas Sin um - gleich zwei Wechsel in der Innenverteidigung, der 17-jährige Justin Grossmann und sein gleichaltriger Kollege Andreas Frei kamen. "Ich hab den Jungs gesagt: Wenn ihr nervös seid, schaut einfach in Carmodys Richtung - der holt euch runter", grinste Sin. Und tatsächlich: Die Teenager spielten, als hätten sie schon 100 Ligaspiele auf dem Buckel. Hannover indes erhöhte die Schlagzahl. Zwischen der 33. und 45. Minute feuerten Assis, Saint-Pierre, Mann, Grigorenko und wieder Assis eine ganze Serie von Schüssen ab, als wollten sie beweisen, dass Ballbesitz (51 Prozent) und Torschüsse (17 zu 2) nicht automatisch zu Toren führen. Der Ball aber - er wollte einfach nicht ins Netz. Und als Mason Saint-Pierre nach einem ungestümen Zweikampf in der 54. Minute die Gelbe Karte sah, warf Trainer Dietrich nur die Hände in die Luft: "Wenn wir schon nicht treffen, dann wenigstens auffallen." In der Schlussphase versuchte Hannover alles. Coach Dietrich brachte frische Flügel: Eskil Sundström kam für Viktor Breschnew, später Max McGee für den müden Myschkin, und in der 87. Minute durfte Georges Carriere rein. Nützte alles nichts. Selbst in der Nachspielzeit (92.) scheiterte Hugo Assis noch einmal an Carmody, der mittlerweile wohl auch eine Fliege in der Dunkelheit hätte fangen können. Nach Abpfiff jubelten die Eschborner Spieler, als hätten sie gerade die Meisterschaft gewonnen. "Für uns fühlt sich das an wie ein Sieg", sagte der junge Verteidiger Grossmann mit breitem Grinsen. "Ich glaub, ich hab noch nie so viele Flanken weggeköpft." Neben ihm nickte Carmody und murmelte: "Ich schreib mir heute Nacht ’ne neue Handschuhmarke auf: BetonGrip." Trainer Sin zeigte sich stolz, aber auch selbstironisch: "Wir hatten zwei Torschüsse - das ist ja fast schon Offensivfeuerwerk." Sein Kollege Dietrich dagegen wirkte wie ein Mann, der versucht, den Sinn des Lebens in einer Latte zu finden. "Manchmal gewinnt halt der, der nicht verliert", meinte er trocken. Und so endete ein Abend, an dem Eschborns Kampfgeist Hannovers spielerische Überlegenheit neutralisierte - und an dem das Publikum trotz torloser 90 Minuten bestens unterhalten wurde. Oder, wie ein Fan auf der Tribüne rief, als die Spieler in die Kabine gingen: "Carmody for Kanzler!" Ein 0:0, das nach viel mehr schmeckte - zumindest nach Schweiß, Herzblut und der Erkenntnis, dass Fußball manchmal keine Tore braucht, um Geschichten zu schreiben. 28.09.643996 15:23 |
Sprücheklopfer
Ich habe noch in der 90. Minute ein Kopfball-Duell im eigenen Strafraum gewonnen. Und so ein Mann wird nicht zur WM mitgenommen.
Mario Basler