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Ein 0:0 kann vieles sein: langweilig, taktisch, tragisch oder einfach gerecht. Das, was CD Cerrense und Capurro Fenix am 22. Spieltag der 1. Liga Uruguay boten, war von allem ein bisschen - und dazu noch ein Schuss Slapstick. Vor 35.822 Zuschauern im Estadio Cerrense lieferten sich die beiden Teams ein intensives Duell, in dem es an Schüssen nicht mangelte (11:14), wohl aber an Zielgenauigkeit. Schon in den ersten Minuten zeigte sich, wohin die Reise gehen sollte: Chancen über Chancen, aber kein Ball fand den Weg ins Netz. In der 11. Minute prüfte Sean MacPhee erstmals Fenix-Keeper Ricardo Frechaut - eine Direktabnahme, die so scharf war, dass selbst der Ball kurz überlegte, ob er wirklich ins Tor wolle. Er wollte nicht. "Ich hab den so getroffen, wie ich ihn treffen wollte", seufzte MacPhee später, "nur das Tor war anderer Meinung." Fenix antwortete prompt. Der junge Rechtsverteidiger Lewis Kendall, ganze 19 Jahre alt, zog in der 12. Minute einfach mal ab - warum auch nicht? Sein Schuss verfehlte das lange Eck nur um wenige Zentimeter. "Wenn der reingeht, reden alle von mir", grinste Kendall nach dem Spiel, "so reden sie nur über den Rasen." Der Rasen übrigens war in bemerkenswert gutem Zustand, was die Spieler aber nicht davon abhielt, regelmäßig auszurutschen, zu stolpern und einander anzuschreien. Besonders lebhaft der junge Christiano Manu, der in der 14. und 24. Minute zwei Großchancen vergab und dabei jeweils den Ball Richtung Tribüne schickte. Trainer Andreas Kessler von Fenix kommentierte trocken: "Wir wollten offensiv über die Flügel kommen - hat geklappt. Leider ist der Ball auch gleich mit über die Flügel raus." Cerrense-Coach Leahcim Gnipeur, der mit ruhiger Hand an der Seitenlinie stand, sah in der ersten Halbzeit eine Mannschaft, die zwar kämpfte, aber zu vorsichtig agierte. Seine Spieler hielten sich an die taktische Vorgabe "ausgewogen", was in diesem Fall wohl bedeutete: nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Ryan Skene versuchte es in der 26. Minute mit einem Solo, das mehr an einen Tanzkurs erinnerte als an einen Angriff, und Joao Gomes prüfte Fenix’ Torwart in der 34. Minute per Distanzschuss - wieder ohne Erfolg. Nach der Pause änderte sich das Bild nur geringfügig. Fenix blieb offensiv, Cerrense wurde aggressiver, und das Spiel entwickelte sich zu einem offenen Schlagabtausch ohne Treffer. Luis Mendilibar zog in der 41. Minute aus 20 Metern ab - Torwart Mendes lenkte den Ball mit den Fingerspitzen über die Latte. Der anschließende Blick des Keepers in Richtung Himmel sprach Bände: "Danke, Fußballgott, dass wenigstens einer heute trifft - du mich nämlich." In der 61. Minute brachte Gnipeur frische Beine: Ruben Benitez kam für Petrizzi, später folgten der 18-jährige Pol Longas und Salvador Meira. Longas machte sofort auf sich aufmerksam - allerdings nicht durch brillantes Spiel, sondern durch eine Gelbe Karte in der 65. Minute, nachdem er den sprintenden Paolo Castrovillari einfach ummähte. "Ich war schneller am Ball", rechtfertigte er sich hinterher. "Welcher Ball?", fragte Castrovillari trocken zurück. Fenix drückte in der Schlussphase auf den Sieg. Peter Bach (85.) und Javi Barbosa (89.) hatten den Siegtreffer auf dem Fuß, doch wieder war Mendes zur Stelle. Der Torwart von Cerrense hatte einen dieser Tage, an denen man das Gefühl hat, er könnte auch auf einem Motorrad die Bälle halten. "Ich wollte einfach nicht verlieren", sagte er nach Schlusspfiff mit einem Grinsen, "und das hat offenbar gereicht." Am Ende blieb es beim torlosen Remis - ein Ergebnis, das beiden Trainern zu passen schien. "Wir haben offensiv gespielt, mutig, aber ohne Fortune", bilanzierte Kessler. "Wenn man 14 Mal aufs Tor schießt und nichts trifft, sollte man vielleicht mal beim Handball vorbeischauen." Gnipeur dagegen sah das Positive: "Wir haben gekämpft, wir haben gedrückt, wir haben nicht verloren. Manchmal ist das schon viel." Die Fans verabschiedeten ihre Teams mit höflichem Applaus - wohl auch, weil sie nach 90 Minuten die Hoffnung aufgegeben hatten, ein Tor zu sehen. Einer rief beim Verlassen des Stadions: "Beim nächsten Mal bring ich meinen eigenen Ball mit - vielleicht trifft der wenigstens!" Und so bleibt dieses 0:0 eines jener Spiele, die man nicht wegen der Tore in Erinnerung behält, sondern wegen der Geschichten dazwischen: fliegende Bälle, fluchende Trainer und ein Publikum, das trotz allem nicht aufhörte zu hoffen, dass der Fußball irgendwann doch noch das Tor trifft. 29.09.643996 19:07 |
Sprücheklopfer
Wir spielen hinten Mann gegen Mann, und ich spiel gegen den Mann.
Olaf Thon