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Ein Tor gab es am 28. Spieltag der 1. Liga Uruguay nicht zu bestaunen, aber immerhin reichlich Gesprächsstoff. CD Cerrense und Nacional trennten sich am Sonntagabend im Estadio Cerrense mit 0:0. Vor 38.441 Zuschauern boten beide Teams ein Spiel, das irgendwo zwischen kontrolliertem Risiko und gepflegter Langeweile pendelte - und genau deshalb für den neutralen Beobachter erstaunlich unterhaltsam war. Schon die ersten Minuten machten deutlich: Wer auf ein Offensivfeuerwerk gehofft hatte, sollte lieber die Popcornschüssel nachfüllen. Nacional begann mit leichter Feldüberlegenheit, was in Zahlen ausgedrückt ganze acht Torschüsse bedeutete - davon allerdings keiner mit echtem Torjubelpotenzial. Besonders der 33-jährige Dror Shum hatte früh zweimal die Führung auf dem Fuß (12. und 24. Minute), scheiterte aber jeweils am glänzend reagierenden Cerrense-Keeper Joseba Mendes. "Ich hab ihn schon geschlagen gesehen", stöhnte Nacional-Coach Karl Rausch später, "aber Mendes hat wohl Magneten in den Handschuhen." Cerrense ließ sich davon nicht beirren. Trainer Leahcim Gnipeur, der an der Seitenlinie in bester Dirigentenpose agierte, gestikulierte so wild, dass selbst der vierte Offizielle kurz den Verdacht hatte, der Mann wolle gleich selbst eingewechselt werden. Seine Elf antwortete prompt: Ryan Skene prüfte Nacional-Torwart Pedro Cercas in der 13. Minute mit einem satten Linksschuss - der Keeper bestand die Prüfung mit Bravour. Bis zur Pause blieb das Spiel ein taktisches Schachduell. Beide Teams agierten im gewohnten "balanced"-Modus - ein Begriff, der auf dem Papier nach Ausgeglichenheit klingt, in der Realität aber häufig nach gegenseitiger Neutralisierung aussieht. So ging es mit einem gerechten 0:0 in die Kabine. Nach Wiederanpfiff zeigte sich Nacional zunächst wacher. David Husek wirbelte auf der rechten Seite, schlenzte in der 48. Minute knapp am langen Pfosten vorbei. Kurz zuvor hatte Marcio Nene Gelb gesehen - wegen eines rustikalen Einsteigens, das in einem Rugbyspiel wohl als zärtlicher Gruß durchgegangen wäre. "Ich hab nur den Ball gesehen - und dann war da plötzlich ein Bein", verteidigte sich Nene mit einem Grinsen. Cerrense reagierte, vor allem Christian Petrizzi übernahm im Mittelfeld das Kommando. In der 71. Minute zwang er Cercas erneut zu einer Parade - die Zuschauer honorierten den Einsatz mit einem vielstimmigen "Oooh", das gleichzeitig Bewunderung und Verzweiflung ausdrückte. Es blieb das Spiel der verpassten Chancen. Nael Marques setzte in der 77. Minute einen Schuss knapp über die Latte, und in der Nachspielzeit (94.) hätte Ruben Benitez beinahe noch den Lucky Punch gelandet. Doch wieder war Cercas zur Stelle, diesmal mit einer Flugparade, die selbst die Heimfans kurz applaudieren ließ. Die Schlussphase brachte dann mehr Dramatik als die 80 Minuten zuvor: Nacional musste den angeschlagenen Mika Aaltonen vom Platz nehmen, der sich offenbar am Knöchel verletzte. Rausch reagierte geistesgegenwärtig und brachte den erfahrenen Ashton Lineback. "Ich dachte, er will mich auswechseln, weil ich zu viel laufe", scherzte Aaltonen später humpelnd in der Mixed Zone. Am Ende stand ein torloses, aber keineswegs trostloses Unentschieden. Cerrense hatte mit 52 Prozent Ballbesitz leicht die Nase vorn, Nacional verbuchte die etwas gefährlicheren Szenen. Ein Ergebnis, das keinem so recht hilft, aber allen erlaubt, sich als moralischer Sieger zu fühlen. "Wir haben das Spiel kontrolliert, aber das Tor vergessen", bilanzierte Gnipeur mit feiner Ironie. Sein Gegenüber Rausch konterte trocken: "Wenn’s nach uns gegangen wäre, hätten wir das Tor gefunden - aber der Ball wollte nicht." Vielleicht war es genau das, was diese Partie ausmachte: zwei Mannschaften, die alles gaben, um nichts zu riskieren - und dabei so viel Leidenschaft zeigten, dass man sich fragte, ob 0:0 nicht manchmal das ehrlichste Ergebnis im Fußball ist. Zum Abschied applaudierten die Fans beider Lager. Und während die Flutlichter langsam erloschen, murmelte ein Cerrense-Anhänger auf der Tribüne: "Schön war’s ja - nur das Netz hat gefehlt." Besser kann man ein torloses Spektakel kaum zusammenfassen. 08.12.643996 04:44 |
Sprücheklopfer
In diesem Drecksspiel hätte ich zehn Akteure auswechseln können.
Felix Magath