Fanatik
+++ Sportzeitung für Türkei +++

Nullnummer mit Unterhaltungswert - Nevsehir beißt sich an Zeytinburnuspor die Zähne aus

Ein 0:0 kann langweilig sein. Muss aber nicht. Das Duell zwischen Nevsehir und Zeytinburnuspor am 4. Spieltag der 1. Liga Türkei war der Beweis, dass auch torlose Begegnungen die Fans auf der Tribüne zwischen Hoffnung, Verzweiflung und Heiterkeit pendeln lassen können. 30.681 Zuschauer sahen am Samstagabend ein Spiel, das mehr Schüsse als Tore, mehr jugendlichen Enthusiasmus als Effizienz und mehr Kopfschütteln als Jubel bot.

Von Beginn an machte Nevsehir klar, dass sie hier die Gastgeber sind - und zwar im Sinne von: "Kommt ruhig vorbei, aber vergesst nicht, dass ihr nichts mitnehmen sollt." Schon nach drei Minuten prüfte der 18-jährige Mittelfeldspieler Sadi Mandirali den gegnerischen Keeper Andrew O’Brien mit einem strammen Distanzschuss. O’Brien, 34 Jahre jung und offenbar in bester Reaktionslaune, boxte den Ball ins Feld zurück. Trainer Mehmet Kaan brüllte von der Seitenlinie: "Sadi! Beim nächsten Mal zielst du, nicht malst du!" - ein Satz, der später im Presseraum für Gelächter sorgte.

Nevsehir drückte, schoss, kombinierte - 14 Mal insgesamt aufs Tor. Ferruh Önüt, der flinke Rechtsaußen, hatte gleich zwei gute Gelegenheiten in den ersten 25 Minuten, doch der Ball wollte einfach nicht in diese rechteckige Konstruktion mit Netz. "Ich schwöre, der Ball war verhext", meinte Önüt später mit gespieltem Ernst.

Zeytinburnuspor dagegen schien lange Zeit mit dem Gedanken zu spielen, ob man Fußball oder Schach spielt. Der Ball lief gemächlich, die Angriffe wirkten wie spontane Eingebungen. Erst nach 24 Minuten wagte sich Theodoros Kirastas mit einem beherzten Schuss ins Rampenlicht - viel Applaus, wenig Gefahr. Ihre drei Torschüsse im gesamten Spiel sagten mehr über die Offensivfreude der Gäste aus als jede Statistik.

Die zweite Halbzeit brachte zunächst mehr vom Gleichen: Nevsehir rannte an, Zeytinburnuspor verteidigte und hoffte, dass das Spiel bald vorbei ist. Besonders auffällig: der junge Linksaußen Salih Kaldirim. Der 19-Jährige hätte sich fast in einen Helden verwandelt - in der 50., 53. und 66. Minute tauchte er gefährlich vor O’Brien auf, scheiterte aber jedes Mal knapp. "Ich wollte zu schön treffen", gab er hinterher zu, "mein Trainer meinte, ich soll einfach draufhalten. Aber wer hört schon auf Trainer?" Mehmet Kaan lachte bitter: "Ich hätte ihn gern mal draufhalten sehen."

In der 55. Minute gab’s immerhin Farbe im Spiel: Zeytinburnus Linksaußen Luís Alcazar sah Gelb nach einem rustikalen Einsteigen. Der Portugiese grinste danach breit: "In meiner Heimat nennt man das Ball spielen." Der Schiedsrichter sah das anders.

Spannung kam in der Schlussphase auf, als Nevsehir den Druck erhöhte. Coach Kaan wechselte munter durch: Der junge Gareth Bale (ja, ein Namensvetter, kein Walisischer Superstar) durfte nach einer Stunde raus, der 19-jährige Akif Kursunlu kam und brachte neuen Schwung auf der rechten Seite. Später musste auch Torhüter Nahit Mandirali für den jüngeren Latif Kaynak Platz machen - eine der selteneren Torwartwechsel mitten im Spiel. "Latif hat einfach gefragt, ob er mal darf", witzelte Kaan nach der Partie.

Zeytinburnuspor blieb defensiv stabil, wenn auch passiv. Ihre taktische Ausrichtung - "balanciert, aber lieber nichts riskieren" - war sinnbildlich. Nevsehir dagegen steigerte zum Ende hin seine Aggressivität und den Einsatz: laut Taktikdaten auf "stark" und "voller Einsatz". Sichtbar wurde das, als Sadi Mandirali in der 69. Minute erneut abzog, der Ball aber - wie so oft - knapp vorbeistrich.

Die letzten Minuten waren ein Abbild des gesamten Spiels: Nevsehir versuchte alles, Zeytinburnuspor hoffte auf den Schlusspfiff. Und als dieser endlich kam, atmete der Gast erleichtert auf, während die Heimfans zwischen Applaus für den Einsatz und Seufzern über die Ineffizienz schwankten.

Statistisch gesehen war Nevsehir klar überlegen: 14 zu 3 Torschüsse, 57 Prozent gewonnene Zweikämpfe, fast gleich viel Ballbesitz. Nur die wichtigste Zahl blieb leer. "Das war ein 0:0 der besseren Sorte", fasste Kapitän Franck Lockhart zusammen. "Wenn wir so weitermachen, fällt irgendwann auch ein Tor - vielleicht sogar für uns."

Trainer Kaan nahm’s mit Humor: "Wir wollten unbedingt zu null spielen. Hat geklappt. Nur leider auch vorne."

Und so verließen 30.681 Zuschauer das Stadion mit gemischten Gefühlen - zwischen Stolz, Frust und der Erkenntnis, dass selbst ein torloses Remis manchmal mehr erzählt als ein 5:4.

Oder, wie ein älterer Fan beim Hinausgehen murmelte: "Wenn sie wenigstens einmal getroffen hätten, hätte ich mein Bier verschüttet. So hab ich’s in Ruhe ausgetrunken."

23.11.644002 00:28
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