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Manchmal genügt ein einziger alter Hase, um eine ganze Schar junger Wilden zu bändigen. Das bewies am 20. Spieltag der 1. Liga Venezuela Estella Rohas Gleb Petrenko, 35 Jahre alt, rechte Außenbahn, Gesicht wie aus Granit gemeißelt und Beine wie zwei Zeitmaschinen. Sein Treffer in der 81. Minute entschied ein Spiel, das Deportivo Zulia trotz beherztem Anlauf mit 0:1 verlor - und das vor 32.102 Zuschauern, die nach Abpfiff aussahen, als hätten sie gemeinsam eine besonders bittere Telenovela erlebt. Zulia-Trainer Emil Freier hatte vor dem Spiel noch betont: "Wir wollen mutig nach vorne spielen, aber nicht ins offene Messer laufen." Nun ja, das Messer kam trotzdem - und es war rot-weiß lackiert. Estella Roha dominierte von Beginn an das Geschehen. 19 Torschüsse sprechen eine deutliche Sprache, während Zulia mit vier Abschlüssen eher den Eindruck erweckte, man wolle prüfen, ob das Tornetz auch wirklich fest installiert ist. Schon in der siebten Minute prüfte Petrenko den Keeper Filip Carlsson zum ersten Mal. Der 21-jährige Schwede im Zulia-Tor wischte den Ball über die Latte und brüllte anschließend seine Abwehr an, als wolle er sie an die Existenz von Gegenspielern erinnern. Der Rest der ersten Hälfte war ein Lehrfilm in Geduld: Estella kombinierte, schoss, verzog, kombinierte wieder - und Zulia verteidigte mit einer Mischung aus jugendlichem Eifer und kindlicher Naivität. "Wir wollten das Tempo rausnehmen", erklärte Freier später mit einem bitteren Lächeln. "Leider haben wir vergessen, dass man irgendwann auch wieder reingehen muss." Trotz 46 Prozent Ballbesitz wirkte sein Team erstaunlich passiv, fast so, als hätte die Taktikanweisung "Offensiv, aber ohne Pressing" wörtlich gegolten. Estella Roha hingegen war von Trainer Christian Jonack klar auf Angriff getrimmt. Offensive Ausrichtung, lange Bälle, Konter - und ein Pressing, das nur dann einschaltete, wenn es wirklich nötig war. Das reichte völlig. Der junge Giorgio Castello, 19 Jahre alt, fegte über die linke Seite, während Rui Vasco im Zentrum immer wieder für Unruhe sorgte. Doch der Ball wollte einfach nicht ins Tor. Bis zur 81. Minute. Da kombinierte Estella über rechts: Enrico Palmisano zog zwei Verteidiger auf sich, legte quer auf Petrenko - und der Veteran drosch den Ball mit einer Präzision in den Winkel, die jedem Physiklehrer Tränen der Rührung in die Augen getrieben hätte. 0:1. Kurz hob Petrenko den Arm, dann lächelte er kaum merklich. "Ich habe schon viele Tore geschossen", sagte er später trocken, "aber die Jungs hier haben es mir leicht gemacht. Die Abwehr war höflicher als meine Enkel." Zulia versuchte danach, so etwas wie eine Schlussoffensive zu starten. Ingo Quaresma prüfte in der 63. Minute den Gästetorwart Paulo Simao, der mit einer Hand überragend parierte. Und der 18-jährige Nevio Ze Castro hatte in der Nachspielzeit noch zweimal die Chance zum Ausgleich - beide Male scheiterte er, einmal am Torwart, einmal an der eigenen Nervosität. "Wir haben viel gelernt", meinte Ze Castro nach dem Spiel, "zum Beispiel, dass Erfahrung kein Mythos ist." Freier klopfte ihm auf die Schulter und murmelte: "Und dass man mit Lehrgeld keine Punkte kauft." Jonack hingegen war zufrieden, aber nicht euphorisch. "Das war kein leichtes Spiel", sagte der Trainer von Estella Roha. "Zulia war jung, schnell und unberechenbar - manchmal wusste ich selbst nicht, was sie vorhatten. Aber am Ende hat Routine gewonnen." Die Statistik bestätigte seine Einschätzung: Estella Roha gewann mehr Zweikämpfe (56 Prozent), hatte mehr Ballbesitz (53 Prozent) und schoss fast fünfmal so oft aufs Tor. Und doch blieb das Gefühl, dass ein zweites Tor den Spielverlauf gerechter widergespiegelt hätte. Zulia verabschiedete sich unter Applaus von den Fans - vielleicht, weil 18-Jährige, die gegen 35-Jährige verlieren, noch Hoffnung machen. Estella Roha nahm die drei Punkte mit einem leisen Lächeln und einem müden Veteranen, der beim Verlassen des Rasens sagte: "Ich dachte, ich sei nur für 60 Minuten eingeplant." Ein Spiel, das wenig Glamour, aber viel Wahrheit bot: Fußball bleibt ein Sport, in dem Erfahrung manchmal überlaufen wirkt - bis sie trifft. Oder, wie ein älterer Fan auf der Tribüne murmelte, während er sein Programmheft zusammenfaltete: "Wenn du jung bist, rennst du. Wenn du alt bist, weißt du, wohin." Und an diesem Abend wusste das nur einer ganz genau - Gleb Petrenko. 06.09.643996 13:01 |
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