// Startseite
| El Peruano |
| +++ Sportzeitung für Peru +++ |
|
|
|
Ein Tor, ein Platzverweis, 47.663 Zuschauer und ein Olli Kahn, der nach Abpfiff aussah, als hätte er gerade selbst 90 Minuten im Tor gestanden - das war der 23. Spieltag in der 1. Liga Peru, an dem Academia Lima AD Cristal mit 1:0 besiegte. Knapp, aber verdient, wenn man sich die Zahlen ansieht: 16 Torschüsse zu 3, 54 % Ballbesitz und ein Gegner, der in der zweiten Halbzeit mehr mit sich selbst als mit dem Ball kämpfte. Dabei begann alles recht harmlos. Schon in der ersten Minute prüfte Filipe Domingos aus spitzem Winkel den wachen Torhüter Luis Enriquez, der mit einer Hand parierte und anschließend bedeutungsvoll nickte - als wollte er sagen: "Nicht mit mir, Filipe." Danach übernahm Academia Lima das Kommando. Immer wieder suchte der quirlige Linksaußen Pieter Tilleman den Weg nach vorn, flankiert von dem jungen Lucas Moura, der mit 19 Jahren aussieht, als dürfte er eigentlich noch gar keinen Vertrag unterschreiben. "Wir wollten von Anfang an Druck machen", erklärte Trainer Olli Kahn später in der Pressekonferenz, während er die Hände so fest auf den Tisch legte, dass die Mikrofone leicht wackelten. "Offensiv, aggressiv, mit Herz - das war der Plan. Ich sag’s mal so: Ein bisschen Titan steckt auch in dieser Mannschaft." Cristal-Coach Nicole Vardy sah das naturgemäß anders. "Wir haben das Spiel kontrolliert. Nur das Tor wollte eben nicht fallen", meinte sie, und grinste dabei so, dass man fast glauben konnte, sie habe ein anderes Match gesehen. Das Tor des Abends fiel in der 40. Minute - und war so schön, dass selbst die gegnerischen Fans kurz klatschten. Moura setzte sich über rechts durch, tanzte den linken Verteidiger Patrick Hawn aus und legte quer auf Tilleman, der mit links trocken ins kurze Eck vollendete. Ein klassischer Stürmertreffer, abgebrüht und präzise. "Ich hab nur gedacht: Jetzt oder nie", sagte der Belgier nach dem Spiel und grinste, "und zum Glück war’s jetzt." Kurz darauf pfiff der Schiedsrichter zur Pause - und AD Cristal durfte froh sein, nur mit einem Tor Rückstand in die Kabine zu gehen. Lima hatte Chancen im Minutentakt: Galindo per Kopf, Uusimäki aus der Distanz, sogar Linksverteidiger Etxeita tauchte plötzlich im Strafraum auf, als hätte er vergessen, dass er eigentlich hinten bleiben sollte. Die zweite Halbzeit begann mit einem Paukenschlag - allerdings nicht auf der Anzeigetafel, sondern im Strafraum von Cristal. Amir Suan, der schon in der 57. Minute Gelb gesehen hatte, rauschte in der 67. Minute in Makukula hinein, als wäre er auf dem Rasen mit einem Einkaufswagen unterwegs. Zweite Gelbe, Gelb-Rot, Abmarsch. Vardy schüttelte nur den Kopf: "Amir ist leidenschaftlich. Manchmal zu sehr." Mit einem Mann weniger war Cristal endgültig in der Defensive. Lima kombinierte gefällig, ließ Ball und Gegner laufen - und nur die berühmte letzte Präzision fehlte. Kahn brüllte von der Seitenlinie: "Noch ein Tor, Männer, sonst krieg ich hier graue Haare!" - wobei ihm offenbar entgangen war, dass die längst da waren. In der Schlussphase wurde es hitzig. Xavier Yago holte sich in der 86. Minute noch Gelb ab, Santiago Andrade zwei Minuten später ebenso - ein Zeichen, dass beide Teams den Abend lieber mit etwas Adrenalin beenden wollten. Cristal versuchte es noch einmal in der Nachspielzeit, doch bei drei mageren Torschüssen blieb es. "Wir müssen lernen, aus wenig mehr zu machen", murmelte Stürmer Vincent De Graff beim Verlassen des Spielfelds und sah dabei aus, als wüsste er selbst nicht, wie. Academia Lima hingegen jubelte ausgelassen. Tilleman wurde zum Mann des Abends gewählt, Moura bekam von den Fans Standing Ovations, und Olli Kahn grinste schließlich doch - ein seltener Anblick. "Drei Punkte, zu null, das ist das, was zählt", sagte er und verschwand Richtung Kabine. Ein Arbeitssieg, gewiss. Aber einer mit Stil, Leidenschaft und einem Tor, das man sich gern zweimal anschaut. Und während Cristal über verpasste Chancen klagt, träumt Lima schon vom nächsten Gegner. Oder, wie Kahn es trocken formulierte: "Wir nehmen das nächste Spiel genauso ernst - nur bitte mit zwei Toren, damit ich weniger schwitze." Ein bisschen Titan eben - jetzt auch in Lima. 11.10.643996 07:28 |
Sprücheklopfer
Auch wenn es eigentlich unmöglich ist, ist es noch möglich.
Stefan Effenberg