// Startseite
| Gazeta Sportowy |
| +++ Sportzeitung für Polen +++ |
|
|
|
Es war einer dieser Abende, an denen der Fußball seine schlichte Logik vergisst. 41 Prozent Ballbesitz, weniger Torschüsse auf dem Papier - und doch gewinnt SK Pruszkow am 31. Spieltag der 1. Liga Polen mit 2:0 gegen Jarota Jarocin. 42.703 Zuschauer im Stadion sahen, wie Effizienz und Leidenschaft das Lehrbuch-Fußballspiel auf den Kopf stellten. Bereits in der 16. Minute sorgte Christopher Preston für das erste Raunen. Nach einem weiten Pass von Rechtsverteidiger Adrian Kosowski nahm der junge Engländer den Ball elegant mit der Brust an, drehte sich wie auf einem Bierdeckel und drosch das Leder in die Maschen. "Ich dachte ehrlich, der Ball sei zu weit", grinste Preston später, "aber dann hat er mich wohl selbst überrascht." Trainer Stefan Petruck hob nur die Schultern: "Er trainiert das jeden Donnerstagabend, wenn keiner mehr hinschaut." Jarocin wirkte nach dem frühen Rückstand keineswegs geschockt. Das Team von Henryk Kasperczak spielte gefällig, hielt den Ball in den eigenen Reihen, kombinierte sauber durchs Zentrum - und scheiterte dann zuverlässig an Torwart Pedro Sousa oder der eigenen Ungenauigkeit. Rahman Özdenak vergab gleich zwei gute Chancen (8. und 56. Minute), während Miguel Galindo aus der Distanz immer wieder die Pruszkower Werbebande testete. "Wir haben den Ball schön herumgeschoben", seufzte Kasperczak nach der Partie, "aber leider zählt das nicht auf der Anzeigetafel." Tatsächlich hatte Jarocin fast 59 Prozent Ballbesitz, aber kaum Durchschlagskraft. Die Defensive, in der Atilay Demirel und Jay Sterling einen soliden Job machten, wirkte stabil - bis in die 89. Minute. Da kam wieder Preston. Diesmal war es Tomasz Mieciel, der den Angriff über links initiierte. Ein kurzer Doppelpass, ein Sprint in die Lücke, und Preston schob eiskalt zum 2:0 ein. Humorvoll meinte er danach: "Eigentlich wollte ich nur Zeit schinden. Aber wenn der Ball schon mal da liegt…" Zwischen den beiden Treffern spielte sich ein Kampfspiel ab, das weniger durch Schönheit als durch Schweiß glänzte. In der 40. Minute sah Linksverteidiger Charles Fraser Gelb, nachdem er den flinken Jakub Nawalka energisch am Trikot zupfte. "Ich wollte nur freundlich Hallo sagen", verteidigte sich Fraser mit einem Augenzwinkern. Trainer Petruck reagierte in der zweiten Halbzeit mit klugen Wechseln: Mieciel kam in der 56. Minute ins Spiel, später ersetzte der junge Joaquin Maniche den erfahrenen Jerzy Zurawski. "Er hat gesagt, er brauche frische Beine", erzählte Maniche. "Ich dachte, er meint seine eigenen." Das Publikum feierte die Einwechslungen, als kämen sie aus einem Hollywood-Drehbuch - und tatsächlich sorgte Mieciel am Ende für die Vorlage zum entscheidenden Treffer. Jarocin blieb auch nach der Pause bemüht, aber ideenlos. Die Defensive blieb tief, die Konter verpufften. "Unsere Taktik war defensiv ausgelegt, aber irgendwann muss man ja auch mal angreifen", brummte Kapitän Rahman Özdenak in der Mixed Zone. Ein Journalist fragte, ob das Team vielleicht zu brav gespielt habe. Özdenak lachte bitter: "Wir waren so brav, dass uns selbst der Schiedsrichter gemocht hat." Insgesamt verzeichnete Pruszkow elf Schüsse aufs Tor, Jarocin acht - eine Statistik, die den Spielverlauf trügerisch ausgewogen erscheinen lässt. Doch während die Gastgeber mit jedem Angriff gefährlicher wirkten, blieb Jarocin beim berühmten "fast hätte er ihn gemacht". Einmal pfiff das Publikum bei einem harmlosen Abschluss von Galindo sogar anerkennend - in einem dieser Momente, in denen Mitleid und Ironie Hand in Hand gehen. Am Ende stand ein verdienter, wenn auch hart erarbeiteter 2:0-Sieg für SK Pruszkow. Preston war der Mann des Abends, Sousa hielt den Kasten sauber, und die Defensive um Malachow und Mascarenhas zeigte, dass man auch mit kontrollierter Aggressivität bestehen kann. "Das war kein Spiel für Feinschmecker, aber eines fürs Herz", resümierte Trainer Petruck. "Wir haben uns reingebissen, und der Junge vorne hat das Tor getroffen. Mehr will man manchmal gar nicht." Kollege Kasperczak fasste den Abend lakonisch zusammen: "Wir hatten den Ball, sie hatten die Tore. Ich weiß, was mir lieber wäre." Und so ging ein kühler Aprilabend in Pruszkow zu Ende - mit zufriedenen Gesichtern auf der einen, ratlosen auf der anderen Seite. Der Fußballgott, so schien es, hatte wieder einmal Humor. Oder wie ein Fan auf den Rängen rief, als Preston zum zweiten Mal traf: "Ballbesitz ist schön, aber Tore sind besser!" 11.01.643997 19:27 |
Sprücheklopfer
Die Karten sind neu gewürfelt.
Oliver Kahn