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Ein lauer Maiabend, Flutlicht über Posen, 20.000 Zuschauer und die Erwartung, dass der SK Posen an diesem 11. Spieltag der 1. Liga Polen endlich wieder Lebenszeichen sendet. Doch stattdessen gab es ein Fußballlehrstück - allerdings aus Sicht des Gastes. SK Pruszkow fegte die Gastgeber mit 4:0 vom Platz, und wer das Ergebnis liest, wird kaum glauben, dass Posen laut Statistik sogar leicht mehr Ballbesitz hatte. Es war ein Abend, an dem Zahlen lügen durften und Tore die Wahrheit sagten. Schon in der zwölften Minute begann das Unheil: Der 19-jährige Marcello Amendolara, frisch aus der Nachwuchsakademie, nahm sich ein Herz, zog nach Pass von Bryan Panis ab - und der Ball rauschte unhaltbar in die linke Ecke. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste der junge Italiener nach dem Spiel, "aber wenn’s schön aussieht, nehme ich das Tor auch." Auf der Tribüne rieb sich Posens Trainer nur die Stirn. Was folgte, war eine Lehrstunde in Sachen Zielstrebigkeit. Pruszkow spielte offensiv, elegant, mit einer Selbstverständlichkeit, die fast unverschämt wirkte. 34 Torschüsse - eine Zahl, die klingt wie ein Tippfehler, aber die Statistik lügt nicht. Posen? Null. Kein einziger Schuss aufs Tor. "Wir haben versucht, das Spiel zu beruhigen", murmelte ein sichtlich überforderter Mittelfeldspieler der Gastgeber, "aber irgendwie war der Ball nie da, wo wir waren." Nach der Pause kam es noch dicker. Wieder Panis, der kreative Taktgeber im Zentrum, steckte in der 50. Minute auf Zbigniew Spizak durch - der traf eiskalt zum 2:0. Pruszkows Trainer Stefan Petruck ballte kurz die Faust, drehte sich dann zu seinem Assistenten und sagte trocken: "Wenn sie so weiterspielen, bestelle ich den Bus erst morgen früh." Posen kämpfte, aber es war ein Kampf mit stumpfen Waffen. Die Defensive stand wie ein Kartenhaus im Wind, und Torhüter Joseph Haddington hatte mehr Abwehraktionen mit den Augen als mit den Händen. Der junge Keeper schrie nach dem dritten Gegentor - einem Kopfball des 18-jährigen Robert Lewandowski nach Flanke von Daniel Szczepaniak (81.) - so laut, dass selbst der Linienrichter kurz zusammenzuckte. Nur zwei Minuten später durfte Lewandowski erneut jubeln. Diesmal legte der eingewechselte Nenad Zdravkovic mustergültig auf, und der Teenager schob lässig ein - 0:4. Die Fans der Gäste sangen, die der Gastgeber schwiegen. Ein älterer Posen-Anhänger auf der Westtribüne fasste das Elend zusammen: "Wir spielen wie ein Orchester ohne Instrumente." Taktisch war der Unterschied frappierend. Während Posen das ganze Spiel über in seiner "balancierten" Formation verharrte, als wolle man die Niederlage auf Gleichgewicht trainieren, agierte Pruszkow durchgehend offensiv. Kein Pressing, keine Hektik, einfach solide Struktur, präzises Passspiel und jugendlicher Übermut. Das Ergebnis: vier Tore, drei Vorlagen des 18-jährigen Panis und ein Hauch von Zukunftsmusik. Nach dem Schlusspfiff versuchte Posens Kapitän, die Fassung zu wahren. "Wir müssen uns an die eigene Nase fassen", sagte er, "vielleicht war der Ballbesitz zu hoch." Eine Aussage, die wohl in die Vereinschronik eingehen wird. Trainer Petruck hingegen zeigte sich fast väterlich: "Ich freue mich für die Jungs. Wenn man 34 Mal aufs Tor schießt, darf man ruhig vier Mal treffen." Das Publikum verabschiedete die Sieger mit Applaus - und die Gastgeber mit einem tiefen Seufzen. Ein 0:4 im eigenen Stadion, ohne einen einzigen Schuss aufs Tor, ist weniger eine Niederlage als eine Diagnose. Zumindest blieb es fair: eine Gelbe Karte für Posens Beniamin Lesniak in der sechsten Minute, sonst nichts Spektakuläres. Aber auch keine Gegenwehr. Vielleicht bringt dieser Abend in Posen ja etwas Gutes hervor: Demut, Trainingsfleiß - oder wenigstens eine bessere Idee, wie man künftig den Ball in Richtung Tor befördert. "Wir wollten offensiv denken", sagte ein Posen-Spieler beim Verlassen des Stadions. "Hat ja auch geklappt - nur leider bei den anderen." Ein Satz, der die Nacht von Posen treffender beschreibt als jede Statistik. 15.10.643999 03:12 |
Sprücheklopfer
Wenn ich natürlich bei meinen Sechs-Minuten-Einsätzen bis zur Winterpause 30 Tore schieße, werde ich vielleicht nicht gehen dürfen.
Jan-Aage Fjörtoft