// Startseite
| World Soccer |
| +++ Sportzeitung für internationale Wettbewerbe +++ |
|
|
|
In Eindhoven roch es an diesem Donnerstagabend zunächst nach Frühlingsluft und Heimsieg, doch am Ende wehte ein kalter Wind aus dem Osten: Der FC St. Petersburg entführte mit einem 2:1-Sieg alle drei Punkte und ließ 43.500 Zuschauer im Philips-Stadion kopfschüttelnd zurück. Dabei hatte alles so verheißungsvoll begonnen. PVCs Rechtsaußen Nelio Sandoval brachte die Hausherren schon in der 11. Minute in Führung - ein Schuss, so trocken wie das Weißbrot in der Stadionwurst. Der Jubel war ohrenbetäubend, Sandoval breit grinste später: "Ich dachte, das wird heute ein gemütlicher Abend. Aber dann kam Slawa." Slawa Skworzow - 22 Jahre jung, schnell wie ein Moskauer U-Bahn-Zug und zweimal eiskalt. Erst traf er nach 35 Minuten nach feiner Vorarbeit von Gerasim Schitnik, dann kurz vor der Pause (44.) erneut, diesmal nach einer Ecke von Oleg Zygankow, die Eindhoven-Verteidiger Everhart Osterhoudt nur staunend passieren ließ. "Ich hab’ den Ball gesehen, aber irgendwie war er dann schon drin", murmelte Osterhoudt später, bevor er in der 73. Minute mit Gelb-Rot endgültig Feierabend hatte. Bis dahin war es ein Spiel voller Energie, Emotion - und einer Prise Chaos. Eindhoven hatte mehr vom Ball (55 Prozent Ballbesitz) und versuchte sich in gepflegtem Kurzpassspiel, während St. Petersburg gnadenlos auf Effizienz setzte: 14 Torschüsse gegenüber nur 6 der Gastgeber sprechen eine klare Sprache. "Wir wollten nicht schön spielen, wir wollten gewinnen", erklärte Gäste-Trainer Martin Rudolf mit einem Lächeln, das zwischen Genugtuung und nordischer Kälte schwankte. PVC-Trainer Markus Frey hingegen schien nach Abpfiff um Fassung zu ringen. "Wir hatten das Spiel eigentlich im Griff", sagte er, während er sich durch die Haare fuhr, "aber wir haben die Russen eingeladen wie zu einem Grillabend - und sie haben das Fleisch gegessen." Seine Mannschaft versuchte nach der Pause, das Ruder herumzureißen, wechselte auf zentriertes Angriffsspiel und presste spät mit allem, was noch laufen konnte. Doch ohne Erfolg. Der zweite Durchgang war ein Abnutzungskampf. Eindhoven rannte an, St. Petersburg lauerte. Robert Mazza prüfte Torhüter Fotios Siontis gleich mehrfach (50., 72.), während vorne Teo Males zwei gute Chancen vergab - einmal klatschte der Ball an die Latte, ein anderes Mal direkt in die Arme von Keeper Björn Thygesen, der danach theatralisch den Ball küsste. "Ich liebe diesen Ball", witzelte er später in der Mixed Zone, "er bringt mir Glück, und manchmal auch Punkte." Das Spiel wurde ruppiger, die Gelben Karten regneten wie Pollen im Mai: Ronny Arens und Osterhoudt sahen früh Gelb (24., 33.), später traf es auch Gästeakteure Miguel Da Cru (52.) und Paul Olsen (80.). Letzterer wiederholte das Kunststück kurz darauf und durfte mit Gelb-Rot ebenfalls vorzeitig duschen. "Zweimal Gelb - das ist fast ein Huttrick", scherzte St. Petersburgs Coach Rudolf, bevor er sich wieder ernst gab: "Aber wir haben Charakter gezeigt. Und Slawa hat uns gerettet." Die letzten Minuten waren eine Mischung aus Nervosität und verzweifeltem Anrennen: Eindhoven drückte, doch ohne rechte Ordnung. Der eingewechselte Reporter (also ich) konnte kaum noch folgen, als Markus Frey an der Seitenlinie gestikulierte, als wolle er ein Flugzeug einweisen. "Pressing! Pressing!", brüllte er - aber seine Spieler wirkten, als hätten sie das Wort noch nie gehört. Am Ende blieb es beim 1:2. St. Petersburg jubelte, Eindhoven schlich vom Platz. Slawa Skworzow nahm den Spielball mit - zurecht. "Zwei Tore in Eindhoven? Das erzähl ich meinen Enkeln", grinste er. Statistisch war’s ein Spiel der Gegensätze: mehr Ballbesitz für Eindhoven, mehr Zielstrebigkeit für Petersburg. Torschüsse 6:14, Zweikampfquote 47:52, und doch fühlte es sich für die Niederländer schlimmer an, als die Zahlen vermuten lassen. "Wir müssen lernen, dass Schönheit keine Punkte bringt", bilanzierte Frey trocken. Und als der Stadionsprecher beim Abgesang die Worte "Heimniederlage" und "Lerneffekt" in einem Satz benutzte, nickten viele Fans resigniert. Vielleicht war das Ganze ja nur ein Ausrutscher. Vielleicht war’s aber auch der Beginn einer russischen Lehrstunde in Effizienz. Eindhoven jedenfalls hat jetzt Hausaufgaben. Und Slawa Skworzow? Der hat vermutlich noch immer diesen Ball unterm Kopfkissen. 27.10.643999 06:08 |
Sprücheklopfer
Wer in Bochum von Strafraum zu Strafraum geht und sich dabei nicht den Knöchel bricht, dem gebe ich einen aus.
Christoph Daum