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Ein Sonntagabend in Callao, 20.000 Zuschauer, ein Stadion, das mehr Hoffnung als Punkte gesehen hat: Leon Chalaco empfing am 20. Spieltag der 1. Liga Peru die formstarke Academia Lima - und bekam eine kleine Lehrstunde in Effizienz. 0:2 (0:2) hieß es am Ende, und wenn wir ehrlich sind, war das noch schmeichelhaft für die Gastgeber. Bereits nach zwölf Minuten war die Stimmung im Estadio Miguel Grau so frostig wie der Pazifikwind, der vom Hafen herüberwehte. Der 20-jährige Iban Quixano, Limas neuer Liebling, nahm ein Zuspiel von Matteo Pedivigliano auf, drehte sich elegant - und ließ Chalacos Keeper Rui Coluna keine Chance. "Ich hab einfach geschossen, ohne nachzudenken", grinste Quixano später. "Vielleicht sollte ich öfter nicht nachdenken." Kaum hatten die Hausherren den Schock verdaut, kam der nächste. In der 19. Minute legte Luís Makukula von links perfekt quer, wieder stand Quixano dort, wo es wehtut - und wo Stürmer stehen müssen. 0:2. Zwei Tore in sieben Minuten, beide vom selben Mann. Die Fans von Leon Chalaco schauten sich gegenseitig an, als wollten sie fragen: "War das im Drehbuch so vorgesehen?" Trainer Olli Kahn - ja, genau der, einst Titan, heute Taktiker - blieb an der Seitenlinie erstaunlich ruhig. "Ich hab meinen Jungs gesagt: Wenn ihr schon führen müsst, dann bitte mit Stil", knurrte er nach dem Spiel halb im Scherz. Stil hatten sie reichlich: 20 Torschüsse, 55 Prozent Ballbesitz, Kurzpassspiel wie aus dem Lehrbuch und eine Abwehr, die kaum Wackler zeigte. Ganz anders bei den Gastgebern. Chalaco startete mit offensiver Ausrichtung, aber die Umsetzung erinnerte eher an ein vorsichtiges Schaulaufen. Drei Torschüsse in 90 Minuten - das lässt sich schwer als Angriffswelle verkaufen. Carlos Aldecoa versuchte es in der 29. Minute, Alejandro Almeida in der 33., und Hugo Zubiaurre gleich nach der Pause. Alle drei Male hieß es: "Schöner Versuch, aber Eric Brun sagt nein." Der junge Keeper von Lima durfte sich die Hände warmhalten, mehr aber auch nicht. Zur Ehrenrettung der Chalaco-Abwehr: Sie hatten alle Hände voll zu tun. Quixano, Meireles, Makukula, Tilleman - ein Angriffsquartett, das ständig in Bewegung war. Besonders Pieter Tilleman hatte offenbar beschlossen, die Latte auf Stabilität zu testen: Drei Schüsse in der zweiten Halbzeit, alle knapp vorbei. Der Ballbesitz sprach mit 54,8 Prozent klar für die Gäste, die Zweikampfquote mit 56,6 Prozent ebenso. In der 17. Minute sah Chalacos Flügelmann Aldecoa Gelb - vielleicht aus Frust, vielleicht, weil er wenigstens einmal zeigen wollte, dass er da ist. Später gesellte sich Innenverteidiger Alberto Tiago mit einer weiteren Verwarnung dazu. "Ich wollte ein Zeichen setzen", sagte Tiago nach dem Spiel. "Leider hat es nur der Schiedsrichter gesehen." Nach der Pause stellte Chalaco-Coach seine Elf nicht um, sondern betete offenbar auf eine Eingebung. Lima dagegen brachte in der 60. Minute Nestor Delgado für Andre Seidel - ein Zeichen, dass Kahn auch hinten nichts anbrennen lassen wollte. Zehn Minuten später durfte der gefeierte Doppeltorschütze Quixano raus, der 18-jährige Paulo Benito kam. "Ich wollte Paulo Spielzeit geben", sagte Kahn. "Und Iban ein Selfie mit den Fans gönnen." Das Spiel plätscherte in der zweiten Hälfte dahin, während die Gäste den Ball laufen ließen, wie ein routinierter Tänzer seinen Partner: kontrolliert, mit Haltung, aber ohne unnötige Show. Chalaco rannte, Lima kombinierte. Chalaco grätschte, Lima lächelte. Als der Schlusspfiff ertönte, applaudierten selbst einige Heimfans - vielleicht aus Respekt, vielleicht aus Erleichterung. "Wir haben viel gelernt", meinte Chalacos Kapitän Caio Meira später, "zum Beispiel, dass man Spiele nicht mit Blicken gewinnt." In der Pressekonferenz fasste Kahn das Ganze trocken zusammen: "Zwei Tore in zwanzig Minuten - das reicht. Mehr braucht man auswärts nicht." Und er lächelte dieses berühmte Lächeln, das irgendwo zwischen Stolz und "Ich hab’s euch doch gesagt" liegt. Leon Chalaco bleibt nach dieser Niederlage im Mittelfeld stecken, während Academia Lima weiter oben anklopft. Und Iban Quixano? Der Junge wird sich den Abend merken. Zwei Tore, ein Sieg, ein Trainer, der nickend sagt: "So spielt man Fußball." Ein sarkastischer Fan in der dritten Reihe brachte es während der Nachspielzeit auf den Punkt: "Wenn wir schon verlieren, dann wenigstens gegen eine Mannschaft, die weiß, wie man trifft." Treffender lässt sich dieses Spiel nicht zusammenfassen. 06.09.643996 10:53 |
Sprücheklopfer
Auch wenn es eigentlich unmöglich ist, ist es noch möglich.
Stefan Effenberg