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Es war einer dieser Abende, an denen ein Stadion mit 27.089 Zuschauern gleichzeitig atmet, hofft und flucht - und am Ende trotzdem jubelt. RCS Vise rang Preußen Münster am 8. Spieltag der belgischen Liga mit 1:0 nieder. Ein Ergebnis, das nüchtern klingt, aber eine Geschichte aus verpassten Chancen, gelben Karten und einem goldenen Moment in der 49. Minute erzählt. Thomas Lindemann, der bullige Mittelstürmer der Gastgeber, war der Mann des Abends. Nach einer butterweichen Flanke von Sergio Gnabry - ja, der Namensvetter, der hier jedoch mit 30 Jahren auf der rechten Seite rackert, nicht in München - stieg Lindemann so wuchtig hoch, dass selbst die Flutlichtmasten kurz erzitterten. Sein Kopfball schlug unhaltbar im langen Eck ein. "Ich hab’ einfach die Augen zugemacht und gehofft, dass der Ball ins Netz geht", grinste Lindemann nach dem Spiel. "Hat ja geklappt. Vielleicht sollte ich das öfter so machen." Bis zu diesem Moment hatten sich die Belgier vergeblich abgemüht. Schon in der 12. Minute prüfte Harrison Caviness Münster-Keeper Thomas Van Guyse, der mit einer Hand noch an die Kugel kam. "Ich dachte, der Ball sei schon drin", rief Caviness später in der Mixed Zone, "aber Van Guyse hat wohl Spiderman-Gene." Preußen Münster, von Trainer Waldemar Reger taktisch auf "balanced" und "no pressing" eingestellt - also die fußballerische Version von "mal gucken, was passiert" -, hielt zunächst ordentlich dagegen. Logan Hillegeer und Caio Fernan sorgten immer wieder für Unruhe über die Flügel, doch im Abschluss fehlte die letzte Konsequenz. Insgesamt sieben Torschüsse verzeichneten die Gäste, aber keiner davon zwang Vises Keeper Vladimir Krajcik ernsthaft zum Schwitzen. "Ich hätte mir fast einen Liegestuhl reingestellt", scherzte der Torwart später. Die erste Halbzeit endete torlos, aber nicht ereignislos. Vises Offensivdrang über die Flügel war unverkennbar, doch auch die Gelben Karten häuften sich: Sean LaClaire sah in der 36. Minute Gelb, weil er offenbar den Unterschied zwischen Ball und Gegenspieler kurzzeitig vergessen hatte. Trainer Fonsi Glover nahm es mit Humor: "Sean wollte halt mal testen, ob der Schiri noch wach ist." Nach dem Seitenwechsel schaltete Vise noch einen Gang hoch - und wurde prompt belohnt. Der Treffer von Lindemann fiel nur vier Minuten nach Wiederanpfiff und brachte das Stadion zum Kochen. Danach entwickelte sich ein Spiel, das mehr Krampf als Kunst war. Münster bemühte sich, blieb aber zu brav. Kein Pressing, keine Risiko-Pässe, nur gepflegtes Herumreichen des Balls im Mittelfeld, als wolle man den Gegner in den Schlaf wiegen. RCS Vise dagegen blieb offensiv, riskierte aber auch einiges. Robin Van Geem (61.) und Ignacio Gomes (73.) sahen ebenfalls Gelb, weil sie lieber die Grätsche suchten als den Ball. "Wir wollten zeigen, dass wir keine Touristen sind", knurrte Gomes nach Abpfiff - mit einem Grinsen, das verriet, dass er genau wusste, was er da getan hatte. In den letzten Minuten warf Münster noch einmal alles nach vorne, was auch nicht viel war. Brecht Van Noppen prüfte Krajcik in der 86. Minute mit einem Flatterball, den der Keeper souverän zur Seite lenkte. Dann kam die 89. Minute: Caio Fernan, der beste Mann der Preußen, sah Gelb - aus Frust, weil er nach einem verlorenen Zweikampf den Ball in die Werbebande drosch. "Ich wollte nur testen, ob sie stabil ist", erklärte er später mit einem Achselzucken. Statistisch gesehen war es ein Spiel auf Augenhöhe: 49,6 Prozent Ballbesitz für Vise, 50,4 Prozent für Münster - ein Gleichgewicht, das sich aber nur auf dem Papier hielt. Denn die Belgier hatten mehr Zug zum Tor: 11 Torschüsse gegenüber 7 der Gäste, dazu eine Zweikampfquote von 53 Prozent. Zahlen, die zeigen, dass Wille manchmal wichtiger ist als System. Trainer Fonsi Glover fasste es nach dem Spiel so zusammen: "Wir haben nicht schön gespielt, aber wir haben gewonnen. Und Schönheit bringt keine Punkte - zumindest nicht in dieser Liga." Sein Gegenüber Waldemar Reger wirkte hingegen ratlos: "Wir wollten kontrollieren, aber haben kontrolliert verloren." Als das Flutlicht erlosch, sangen die Fans von Vise noch lange. Nicht laut, nicht glanzvoll, aber mit Herz - so wie ihre Mannschaft gespielt hatte. Ein 1:0, das in keiner Highlight-Show glänzen wird, aber in den Köpfen der Zuschauer bleibt. Oder wie ein alter Fan beim Verlassen des Stadions brummte: "War kein Festmahl, aber immerhin warm serviert." Und manchmal, das wissen sie in Vise jetzt ganz genau, reicht ein einziger Kopfball, um eine ganze Nacht zu retten. 08.01.644003 12:56 |
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Wenn es einmal hart auf hart kommt, kommt es meistens ganz hart.
Jens Jeremies