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Wenn ein 3:3 nach 90 Minuten das Publikum im Stadion auf die Sitze nagelt, dann war auf dem Rasen garantiert keine Langeweile zu spüren. Im Viertelfinal-Hinspiel der Europaliga lieferten sich die Margate Reds und Conquense ein Spektakel, bei dem Taktikphasen nur als kurze Verschnaufpausen der Vernunft dienten. 59 000 Zuschauer sahen ein Spiel, das so wild war wie ein Freitagabend in einer Hafenbar - und mindestens genauso unterhaltsam. Schon nach wenigen Minuten war klar, dass beide Trainer das Wort "Vorsicht" offenbar aus ihrem Vokabular gestrichen hatten. Ata Lamecks Reds spielten offensiv, aggressiv, mit 52 Prozent Ballbesitz, als wollten sie das Rückspiel gleich miterledigen. Auf der anderen Seite ließ Andreas Sch seine Conquense-Mannschaft kontern, als hinge die Stromrechnung davon ab. Nach fünf Minuten die erste Duftmarke: Harold Coeyman prüfte den Gästetorhüter Rune Jakobsen - noch ohne Erfolg, aber mit Ansage. In der 14. Minute dann das erste Beben: Morten Johannessen flankte von rechts, Kai Marley stieg hoch, nickte ein - 1:0. "Ich hab’ nur die Augen zugemacht und gehofft, dass der Ball mich trifft", grinste Marley hinterher, "und siehe da, Physik funktioniert!" Zehn Minuten später schlug Conquense zurück. Nach einer Ecke von Freddie Duverger stand Marco Pinto goldrichtig, der Ausgleich - 1:1. Lameck krempelte die Ärmel hoch, rief seinem Abwehrchef zu: "Gottfried, du bist kein Tourist, bleib hier hinten!" Das half nur kurz. Denn kaum drei Minuten darauf drehte Zivojin Basta auf. Der 32-jährige Serbe bekam den Ball nach einem feinen Pass von Rechtsverteidiger Lewis Lorring, zog ab und traf zum 2:1. Der Jubel hallte bis zum Pier, und die Reds gingen mit dieser Führung in die Pause. "Wir hätten da schon 3:1 führen müssen", knurrte Ata Lameck später, "aber offenbar wollte das Drehbuch mehr Drama." Das Drama kam - natürlich. Conquense erwischte den besseren Start in Halbzeit zwei. Jiri Trojan, der schon in der ersten Hälfte mit Gelb verwarnt worden war, tanzte sich durchs Mittelfeld, spielte quer, und Jacinto Mendivil verwandelte eiskalt zum 2:2 (51.). Fast zeitgleich kassierte Trojans Teamkollege Guillermo Vazquez eine Gelbe - vermutlich, weil er verhindern wollte, dass der Schiedsrichter sich einsam fühlt. Doch Margate antwortete prompt. Nur zehn Minuten später war Didier Marceau zur Stelle, schlenzte den Ball nach Vorarbeit von Danijel Turina ins lange Eck - 3:2 (61.). Das Stadion tobte, und Lameck brüllte: "Das ist Fußball, kein Schach!" Leider erinnerte Conquense ihn wenig später daran, dass auch Schachspieler manchmal zurückschlagen. In der 72. Minute leitete Mendivil einen Angriff über rechts ein, Nael Bischoff schloss trocken ab - 3:3. Danach ersetzte Lameck den müde gewordenen Basta durch Dimas Chalana (68.), der sofort für Wirbel sorgte. In der 92. Minute zwang er Jakobsen zu einer Glanzparade - der Ball strich über die Latte, und Conquense atmete hörbar auf. Auf der Gegenseite durfte der 18-jährige Aitor Penas in der Nachspielzeit noch ran und gleich eine Chance vergeben, die sein Trainer später "pädagogisch wertvoll" nannte. Statistisch gesehen war Margate leicht überlegen: 13 Torschüsse gegenüber 10, etwas mehr Ballbesitz, mehr gewonnene Zweikämpfe. Doch auf der Anzeigetafel stand eben nur 3:3 - das Ergebnis einer Partie, in der beide Mannschaften eher Herz und Adrenalin als Rechenschieber nutzten. "Wenn man so spielt, braucht man keine Fitnessuhr", keuchte Conquense-Coach Sch nach dem Schlusspfiff, "man merkt auch so, dass der Puls bei 180 ist." Die Zuschauer verabschiedeten beide Teams mit stehenden Ovationen - wohl wissend, dass sie hier Zeugen eines dieser seltenen Spiele waren, in denen niemand wirklich verlieren wollte und auch keiner wirklich gewonnen hat. Im Rückspiel in Conquense nächste Woche dürfte es weniger um Taktik und mehr um Nerven gehen. Oder wie Reds-Verteidiger Danijel Turina es trocken formulierte: "Wir nehmen einfach noch ein Tor mehr mit. Sicher ist sicher." Und so endete ein Abend, an dem Tore wie Wellen ans Ufer rollten, mit einem gerechten Remis. Ein Spiel, das zeigte, dass Fußball manchmal schlicht das schönste Chaos der Welt ist. 25.11.643996 06:22 |
Sprücheklopfer
Bei diesem Schiedsrichter hätte auch unser Busfahrer eine gelbe Karte bekommen.
Rainer Calmund