// Startseite
| Sport-Blick |
| +++ Sportzeitung für Schweiz +++ |
|
|
|
Manchmal ist Fußball wie ein Orchester: Wenn jeder Spieler seinen Ton trifft, klingt selbst die vierte Liga wie Champions League. Am Donnerstagabend gelang dem FC Red-Star eine solche Symphonie - auf Kosten des bedauernswerten FC Wettingen, der mit einem 0:5 (0:4) nach Hause geschickt wurde. 3017 Zuschauer im kleinen Stadion am Waldrand erlebten ein Spiel, das nach 25 Minuten eigentlich schon entschieden war. Der Auftakt war harmlos, fast freundlich. Red-Star tastete sich heran, Marc Chevallier prüfte in der zweiten Minute den Wettinger Keeper Claude Carter - quasi ein höfliches "Guten Abend". Acht Minuten später versuchte es Johann Hahn, dann Tom Raab. Die ersten Takte des Spiels klangen noch nach Abtasten, doch dann, in Minute 15, setzte Owen Cromwell zur Soloeinlage an. Der linke Verteidiger, sonst eher der Mann fürs Grobe, nahm einen Pass von Chevallier volley und drosch den Ball aus 20 Metern ins Eck. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Cromwell später. "Aber wer bin ich, dem Ball zu sagen, wo er hinmuss?" Das Tor wirkte wie eine Einladung zum Feuerwerk. Sieben Minuten später erhöhte Maurice Strauss nach einem schönen Doppelpass mit - natürlich - Chevallier auf 2:0. Und kaum hatte Wettingen den Anstoß ausgeführt, klingelte es erneut: Diesmal durfte Chevallier selbst ran, bedient von Strauss. 24. Minute, 3:0. Die beiden verstanden sich an diesem Abend blind. "Ich weiß gar nicht, ob wir geredet haben", witzelte Strauss. "Wir haben uns einfach telepathisch zugelächelt." Eine Minute später folgte das 4:0 - Johann Hahn krönte eine weitere Chevallier-Vorlage mit einem trockenen Abschluss. Der rechte Flügelspieler jubelte mit einem Sprung, der wohl in die Vereinschronik eingehen wird. "Wenn ich ehrlich bin", sagte er später, "dachte ich, der Schiri pfeift gleich ab - so müde sahen die anderen schon aus." Zur Pause stand es 4:0, die Statistik sprach Bände: 13 Torschüsse für Red-Star, genau einer für Wettingen. Ballbesitz? 53 Prozent für die Hausherren, also nicht einmal ein Monsterwert - aber was die Gäste mit ihren 47 Prozent anfingen, bleibt ihr Geheimnis. In der zweiten Halbzeit nahm Red-Star das Tempo etwas raus. Trainer (der Name blieb an diesem Abend im Hintergrund, aber seine Handschrift war klar) ließ seine Elf in der "balanced"-Taktik verharren: kein wildes Pressing, kein Harakiri, sondern gepflegtes Kombinationsspiel. Wettingen versuchte es tapfer, doch Torwart Cesar Quixano fror beinahe ein - der einzige gegnerische Schuss aufs Tor kam in der 31. Minute von Curt Beaulieu, und selbst der war eher höflich platziert. Erst in der Schlussphase wurde es wieder laut. Paul Maurice, der zentrale Mittelfeldmann, hatte offenbar genug vom Schongang. In der 85. Minute verfehlte er noch knapp, eine Minute später traf er nach Zuspiel von Franck Silvestre zum 5:0-Endstand. Ein Treffer, der den Abend abrundete: kraftvoll, präzise, elegant. "Ich hab’ einfach mal draufgehalten", gab Maurice zu, "weil Chevallier schon fast Mitleid mit Wettingen hatte." Während Red-Star feierte, suchte Wettingens Kapitän Carlos Eximeno Trost in der Gelben Karte, die er in der 73. Minute kassierte - ein Beweis, dass er immerhin existierte. Trainer und Spieler wirkten nach dem Spiel ratlos. "Wir waren immer einen Schritt zu spät", murmelte Eximeno. "Manchmal zwei." Red-Star-Coach dagegen lobte seine Mannschaft mit feinem Understatement: "Die Jungs haben verstanden, dass Fußball Spaß machen darf. Wir wollten sicher spielen, nicht sicher langweilig." Mit 19 Torschüssen, 60 Prozent gewonnener Zweikämpfe und einer Spielfreude, die selbst den Platzwart zum Lächeln brachte, war dieser Abend ein Statement. Red-Star zeigte, dass auch in der 4. Liga Schweiz (2. Div) Fußball mit Stil möglich ist - und dass eine Flanke, die zum Tor wird, manchmal der Auftakt zu einem kleinen Kunstwerk ist. Zum Schluss blieb der Stadionsprecher seiner Ironie treu: "Wir bedanken uns bei FC Wettingen für den Besuch," rief er in die Lautsprecher, "und wünschen eine gute Heimfahrt - die Richtung kennen sie ja schon, sie mussten sie fünfmal anlaufen." So endete ein Spiel, das keiner der 3017 Besucher so schnell vergessen wird - außer vielleicht die Gäste. Für Red-Star war es ein Abend zum Genießen, für Wettingen einer zum Verdrängen. Und irgendwo in der Kabine summte Owen Cromwell leise vor sich hin - vielleicht doch eine Flanke, vielleicht ein Lied über einen perfekten Schuss. 27.12.644002 16:05 |
Sprücheklopfer
Der Trainer hat gesagt, wir sollen uns am Gegner festbeißen. Das habe ich versucht zu beherzigen.
Oliver Kahn zum Wangenbiss gegen Heiko Herrlich