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Wenn man einem neutralen Beobachter erklären möchte, was ein "gerechtes Unentschieden" ist, dann sollte man ihm die 90 Minuten zwischen BKS Gdańsk und SK Pruszków vom 20. Spieltag der 1. Liga Polen vorspielen. 39.887 Zuschauer sahen im Gdańsker Stadion einen Abend, der alles hatte: Tempo, jugendliche Unbekümmertheit, gereifte Routine - und das unausweichliche 1:1. Schon in der ersten Minute feuerte Adam Żuraw den Ball Richtung Gäste-Tor - als wollte er die Anzeigetafel persönlich anschalten. Doch Pruszkóws Keeper Pedro Sousa hatte offenbar beschlossen, sich an diesem Abend extra spektakulär in Szene zu setzen. "Ich hab mir vorgenommen, heute wenigstens einmal fliegen zu dürfen", grinste der Portugiese später, "und gleich zu Beginn hat’s geklappt." Das Spiel nahm sofort Fahrt auf. In Minute 15 dann der erste Paukenschlag: Jerzy Żurawski, 36 Jahre jung und offenbar ewig fit, zog aus der zweiten Reihe ab. Der Ball schlug mit der Präzision eines Uhrwerks im linken Eck ein. Assistgeber Constantin Furtok, der das Leder zuvor elegant quergelegt hatte, hob nur bescheiden die Hände: "Jerzy braucht keine Einladung, der kommt von selbst." 1:0 für Pruszków - und BKS-Trainer Mike Matt war sichtbar not amused. Doch wer dachte, die erfahrenen Gäste würden das Spiel nun routiniert verwalten, hatte die Rechnung ohne Arthur Kajrys gemacht. 17 Jahre alt, Mittelscheitel, Schüchternheitsfaktor 8 von 10 - aber mit einem linken Fuß, der Geschichten schreibt. Nach 27 Minuten setzte ihn Ilias Rogocz mit einem feinen Pass in Szene, Kajrys nahm kurz Maß und schob den Ball so trocken ins Netz, dass Sousa nur hinterherstarren konnte. 1:1 - und das Stadion tobte. "Ich dachte ehrlich gesagt, ich steh im Abseits", gab der Teenager lachend zu. "Dann hab ich nur noch die Arme hochgerissen und bin weggerannt. Irgendwohin." Danach entwickelte sich ein munteres Hin und Her. BKS suchte sein Glück offensiv - 14 Torschüsse sprechen eine deutliche Sprache - während Pruszków mit leichtem Ballbesitzvorteil (52,6 %) und cleverem Passspiel konterte. Besonders auffällig: der unermüdliche Zbigniew Spizak, der zwischen Minute 2 und 88 gefühlt jede freie Sekunde zum Abschluss nutzte. "Wenn er abends die Zähne putzt, trifft er wahrscheinlich auch die Zahnpastatube im Winkel", witzelte ein Journalist auf der Tribüne. Die zweite Halbzeit begann, wie die erste geendet hatte: Chancen hüben wie drüben, kein Durchkommen. Gdańsk blieb offensiv, fast trotzig - Trainer Matt hatte seine Jungs mutig eingestellt, von Defensive keine Spur. Pruszków spielte abwartender, fast philosophisch. Stefan Petruck, der Gäste-Coach, erklärte später: "Wir wollten das Spiel lesen, nicht diktieren. Leider hat das Buch keine zweite Auflage bekommen." In der 63. Minute sah Stanisław Ogaza Gelb, weil er Rogocz bei einem Sprint zu abrupt stoppte. "Ich hab ihn kaum berührt", beteuerte Ogaza, während der Schiedsrichter wohl schon innerlich die Karte zückte. Ein klassischer Fall von "Ich hab den Ball gespielt, Herr Schiri" - nur leider war der Ball da schon zwei Meter weiter. Die Schlussphase gehörte dann wieder den Hausherren. Besonders Arthur Kajrys drehte auf, prüfte Sousa in der 70. und 77. Minute gleich doppelt. Der junge Stürmer bekam Standing Ovations, als er in der Nachspielzeit ausgewechselt wurde - sinnbildlich für die neue Gdańsker Generation, die endlich zeigen will, dass sie mehr kann als nur mitspielen. Nach dem Abpfiff standen beide Trainer Seite an Seite, fast freundschaftlich. "Das war Werbung für den polnischen Fußball", meinte Matt, während Petruck trocken ergänzte: "Ja, aber leider ohne Rabattcode für drei Punkte." Statistisch gesehen war’s ausgeglichen: Gdańsk mit minimalem Vorteil in den Zweikämpfen (51,9 % gewonnen), Pruszków mit mehr Ballbesitz, beide Teams mit reichlich Zug zum Tor. Nur das Netz wollte nach der 27. Minute nicht mehr wackeln - was allerdings niemanden wirklich störte. Einige Fans blieben noch lange im Stadion, als die Flutlichtmasten bereits herunterdimmen. Vielleicht, weil sie spürten, dass sie Zeugen eines Spiels waren, das keine Sensation brauchte, um groß zu wirken. 1:1 - das klingt nüchtern, war aber alles andere als langweilig. Oder, wie BKS-Verteidiger Wladimir Burkhardt beim Hinausgehen murmelte: "Wenn jedes Unentschieden so läuft, unterschreib ich sofort für den Rest der Saison." Ein Satz, der wohl auch dem neutralen Zuschauer aus der Seele sprach. 08.02.644000 04:37 |
Sprücheklopfer
Ich würde am liebsten zu Hause die Rollläden runterlassen, aus der Konservendose essen und mit einem Sack über dem Kopf Feldwege laufen.
Rainer Calmund nach einem 1:3 gegen Cottbus