// Startseite
| Tuttosport |
| +++ Sportzeitung für Italien +++ |
|
|
|
Ein Fußballspiel kann manchmal wie ein schlecht erzählter Witz wirken: 90 Minuten lang passiert fast nichts - und dann kracht’s gleich zweimal hintereinander. Genau so erging es am Samstagabend dem FC Ascoli im heimischen Stadion vor rund 7000 Zuschauern, als Rodengo Saiano in der Nachspielzeit binnen drei Minuten das 0:2 perfekt machte. Es war der 28. Spieltag der 3. Liga Italien, Anstoß um 20:30 Uhr, Flutlicht, laue Frühlingsluft - und ein Publikum, das nach 89 torlosen Minuten vermutlich schon den ersten Fluchtplan Richtung Parkplatz schmiedete. Doch dann kam Domenico Roggiano, 20 Jahre jung, zentral im Mittelfeld, offenbar unbeeindruckt davon, dass ein Fußballspiel üblicherweise nach 90 Minuten vorbei ist. In der 92. Minute zog er aus rund 18 Metern ab, Ball leicht abgefälscht, Tor. 0:1. Jubeltrauben, Fassungslosigkeit auf der Gegenseite. Und während Ascoli-Trainer (der Name blieb geheimnisvollerweise unter Verschluss) noch wild gestikulierend versuchte, seine Defensive neu zu sortieren, schlug Rodengo Saiano erneut zu. Diesmal war es Alessandro Vegliaturo, 22 Jahre, linke Sturmseite, der in der 95. Minute nach Pass von - wer sonst - Luca Cariati den Deckel draufsetzte. "Ich hab’ einfach geschossen. Keine Zeit mehr zum Nachdenken", grinste Roggiano nach dem Spiel, während Vegliaturo hinzufügte: "Luca hat mich gesehen, und ich dachte: Wenn ich den jetzt nicht reinmache, lacht er mich im Training aus." Trainer Jan Beyer, der den Gästen aus Rodengo Saiano vorsteht, kommentierte es trocken: "Wir haben 27 Mal aufs Tor geschossen. Irgendwann muss ja mal einer reingehen." Damit hatte er nicht übertrieben: 27 Torschüsse für seine Mannschaft standen magere eine einzige Chance des FC Ascoli gegenüber. Ein Verhältnis, das man sonst eher aus Schießbudenstatistiken kennt. Der Ballbesitz? 53,7 Prozent für die Gäste, also kein erdrückendes Übergewicht. Aber während Ascoli den Ball lieber zärtlich kreiseln ließ, spielte Rodengo Saiano schnörkellos nach vorn - mit einer Zielstrebigkeit, die man fast schon rührend nennen konnte. Der Spielverlauf selbst? Nun ja, die Chronistenpflicht verlangt, die erste Halbzeit zu erwähnen - obwohl sie sich dazu wenig hergibt. Die Gäste kombinierten gefällig, schossen aus allen Lagen, doch Ascolis Torhüter Jorge Aguas war ein Fels in der Brandung. Ein Fels, der sich vermutlich fragte, warum seine Vorderleute ihm so wenig Spaß gönnten. In der 25. Minute etwa: Vegliaturo hatte schon zum fünften Mal abgezogen. Aguas hielt wieder. In der 37. Minute: Gaetano Uffugo mit der nächsten Großchance. Wieder Aguas. Und so weiter. Zur Pause blieb es beim 0:0, und die Tribüne summte das altbekannte "Das kann ja was werden". Rodengo Saiano blieb auch nach dem Seitenwechsel offensiv, brachte frische Beine: Morabito und Lungro kamen zur zweiten Halbzeit, später auch der erfahrene Antonio Cocco. Doch lange schien es, als würde das Tor einfach nicht fallen. Ascoli selbst brachte in der 72. Minute immerhin den einzigen eigenen Torschuss zustande - David Delfino versuchte es aus halblinker Position, doch sein Ball landete mehr im Symbolischen als im Netz. "Der war wichtig für die Statistik", witzelte er später mit bitterem Lächeln. In der 70. Minute sah Marco De Luca von Rodengo Saiano noch Gelb, weil er den Eindruck erweckte, den Ball lieber mitsamt Gegner klären zu wollen. Spät, in der 93. Minute, erwischte es dann auch Ascolis Filippo Satriano - ebenfalls Gelb, vermutlich aus Frust über die sich anbahnende Katastrophe. Als der Schlusspfiff ertönte, wirkten die Spieler des FC Ascoli, als hätten sie gerade ein besonders unbarmherziges Schicksalsspiel erlebt. "Wir waren 91 Minuten konzentriert", murmelte Verteidiger Giovanni Amato, "aber leider dauert Fußball manchmal 95." Rodengo Saiano dagegen feierte ausgelassen. Trainer Beyer ließ sich sogar zu einem Grinsen hinreißen: "Ich sag’ den Jungs immer: Geduld ist eine Tugend. Heute war sie Gold wert." Statistisch gesehen war das Ergebnis logisch, spielerisch verdient und dramaturgisch perfekt - jedenfalls für neutrale Zuschauer und für Rodengo Saiano. Für Ascoli bleibt die Erkenntnis, dass man auch mit 46 Prozent Ballbesitz und einem einzigen Schuss aufs Tor ein Spiel verlieren kann. Und zwar gründlich. Vielleicht sollte man in Ascoli künftig an der Effizienz arbeiten - oder zumindest an der Fähigkeit, nach der 90. Minute nicht kollektiv in den Feierabendmodus zu schalten. Denn Fußball, das hat dieser Abend wieder gezeigt, ist und bleibt das Spiel, bei dem 22 Männer 90 Minuten lang hinter einem Ball herlaufen - und am Ende gewinnt Rodengo Saiano. 08.12.643996 02:00 |
Sprücheklopfer
Jetzt stehen die Chancen 50:50 oder gar sogar 60:60.
Rainer Calmund