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Es war einer dieser Abende, an denen man sich fragt, ob Bari Calcio vielleicht versehentlich in den falschen Bus gestiegen ist. Denn was die 9.615 Zuschauer im kleinen, aber lautstarken Stadion von Rodengo Saiano am Freitagabend sahen, war kein Kampf auf Augenhöhe, sondern eine einseitige Demonstration: 4:0 (2:0) für die Gastgeber - und das Ergebnis schmeichelt den Gästen fast noch. Schon in den ersten Minuten zeichnete sich ab, dass Rodengo Saiano unter Trainer Jan Beyer keinerlei Lust auf Zurückhaltung hatte. 19 Torschüsse, 50 Prozent Ballbesitz, jede Menge Spielfreude - und das, obwohl Bari Calcio formal sogar leicht mehr Ballkontakte hatte. "Ballbesitz ist ja schön und gut", grinste Beyer nach dem Spiel, "aber Tore zählen halt immer noch mehr als Passquoten." Bari begann zwar mit einer offensiven Grundordnung, aber ohne jede Durchschlagskraft. Der einzige ernstzunehmende Schuss aufs Tor kam in der 23. Minute von Luigi Fumagalli, der Ball flog allerdings in etwa so gefährlich wie ein lauwarmer Espresso. Danach übernahm Rodengo Saiano endgültig die Kontrolle - und Gaetano Uffugo, der 20-jährige Wirbelwind auf der rechten Seite, wurde zum Albtraum der Gäste. In der 36. Minute startete er nach Pass von Luca Cariati durch, ließ einen Verteidiger ins Leere grätschen und schob eiskalt zum 1:0 ein. Zwei Minuten später stand das Stadion Kopf: Innenverteidiger Dario Bassi, sonst eher für rustikale Klärungsaktionen zuständig, traf nach einer Ecke von Domenico Roggiano per wuchtigem Kopfball. "Ich wusste gar nicht, dass ich so hoch springen kann", witzelte Bassi später, "vielleicht lag’s am neuen Shampoo." Mit 2:0 ging es in die Pause - und Bari-Trainer (dessen Name offenbar lieber ungenannt bleiben will, man kann’s ihm kaum verdenken) versuchte in der Kabine wohl, seinen Spielern Mut zuzureden. Doch kaum war die zweite Halbzeit angepfiffen, klingelte es wieder: Uffugo vollendete einen blitzsauberen Angriff über Giacomo Morabito zum 3:0 in der 46. Minute. Das Publikum tobte, und auf der Trainerbank der Gäste rollten die ersten Augen. Als Vincenzo Cerutti in der 57. Minute nach einem schnellen Konter zum 4:0 einschob, war das Spiel endgültig entschieden. Bari wirkte konsterniert, fast schon resigniert. "Wir wollten offensiv spielen", murmelte Verteidiger Taylor Finnan zerknirscht, "aber irgendwie waren wir nur offensiv offen." Rodengo Saiano dagegen spielte sich in einen Rausch. Selbst als Trainer Beyer begann, seine Jungstars zu schonen - Uffugo durfte in der 59. Minute unter Applaus raus, Teenager Daniel Marittima bekam seine Chance - blieb der Druck hoch. Bari kam kaum aus der eigenen Hälfte. Die einzigen Farbtupfer der Gäste waren drei Gelbe Karten (Finnan, Grosso, Carlucci), die mehr Verzweiflung als Härte ausdrückten. Besonders auffällig war, wie diszipliniert Rodengo Saiano trotz der komfortablen Führung blieb. "Wir wollten zeigen, dass wir nicht nur kämpfen, sondern auch kicken können", sagte Kapitän Morabito, der das Spiel immer wieder klug lenkte. Und tatsächlich: Die Passstafetten liefen, die Abstimmung stimmte, und selbst bei 4:0 rannte jeder noch, als ginge es um den Aufstieg. Trainer Beyer lobte nach dem Spiel die "jugendliche Frechheit" seiner Offensive: "Wenn man drei Stürmer unter 22 hat, ist das manchmal Chaos pur - aber heute war’s geordnetes Chaos mit Stil." Sein Gegenüber wirkte dagegen ratlos: "Wir haben uns vorgenommen, mutig zu sein", sagte er leise, "aber Mut ohne Plan ist halt auch nur Wahnsinn." Am Ende blieb ein klarer Sieg, der Rodengo Saiano in der Tabelle der 3. Liga Italien (1. Div) einen ordentlichen Schub geben dürfte - und Bari Calcio eine lange Busfahrt mit vielen unbequemen Fragen. Die Fans der Gastgeber verabschiedeten ihre Mannschaft mit Standing Ovations, während ein kleiner Junge auf der Tribüne laut rief: "Papa, so will ich auch mal spielen!" Vielleicht das schönste Fazit des Abends: Leidenschaft ist ansteckend. Und wer gesehen hat, wie Rodengo Saiano an diesem 18. Spieltag auftrat, der weiß - hier wächst etwas. Vielleicht kein Meisterteam, aber ganz sicher eine Mannschaft mit Seele. Oder, wie Dario Bassi es lachend auf den Punkt brachte: "Wenn wir weiter so verteidigen und gleichzeitig treffen, müssen wir uns bald um ein größeres Stadion kümmern." Ein Vorschlag, den in Rodengo Saiano an diesem Abend wohl niemand wirklich abgelehnt hätte. 14.08.643996 09:18 |
Sprücheklopfer
Bei solchen Anlössen kein Bier, das ist ja eine Katastrophe.
Rolf Rüssmann im Presseraum des Daimlerstadions, nachdem die Stuttgarter den Klassenerhalt geschafft hatten