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Es war einer dieser Abende in der 3. Liga Italien (1. Div), an denen 18 441 Zuschauer im ehrwürdigen Stadio di Lucca ihre Mannschaft Libertatis Lucca lautstark nach vorn schrien - und am Ende doch nur ungläubig die Köpfe schüttelten. 1:3 hieß es nach 90 aufreibenden Minuten gegen die Gäste von Rodengo Saiano, die nach zähem Beginn in einen wahren Offensivrausch verfielen. Dabei hatte alles so verheißungsvoll begonnen. In der 19. Minute zündete Riccardo Belsito, 34 Jahre jung und noch immer mit der Spritzigkeit eines Espresso doppio, den Turbo auf der rechten Seite. Gaetano Ferrari legte mustergültig quer, und Belsito drosch den Ball mit der Wucht jahrelanger Erfahrung in den Winkel. 1:0 - die Curva Nord tobte. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen, aber er kam zurück wie ein Boomerang," grinste Belsito später, "da musste ich einfach draufhalten." Doch wer glaubte, Lucca würde nun das Heft in der Hand behalten, unterschätzte die Zähigkeit der Gäste. Obwohl sie nur 43 Prozent Ballbesitz hatten, wirkten sie gefährlicher, zielstrebiger - und irgendwie frischer. Vincenzo Cerutti, gerade einmal 20, stellte in der 40. Minute seine Kaltschnäuzigkeit unter Beweis. Nach schöner Vorarbeit von Giorgio Bianchi traf er zum 1:1. "Wir wussten, dass Lucca gern den Ball hält. Wir wollten lieber Tore halten", lachte Rodengo-Trainer Jan Beyer mit einem Seitenblick auf seinen leicht verschmitzt nickenden Stürmer. Die Pause kam für Lucca zu spät. Trainer Jannick Beck versuchte es mit ruhigen Worten in der Kabine, doch draußen blieb es beim alten Muster: viel Ball, wenig Biss. Acht Torschüsse, fast alle aus der Distanz, verhallten wirkungslos im Abendhimmel oder in den sicheren Händen von Gästekeeper Niccolò Argusto. Rodengo Saiano hingegen legte nach dem Seitenwechsel an Schärfe zu. In der 67. Minute fasste sich Giacomo Morabito ein Herz, zog zentral ab - und der Ball zischte unhaltbar ins Eck. Wieder war Alessandro Vegliaturo der Vorlagengeber, der auf der linken Seite rannte, als sei der April ein Dauerfrühling. Nur zwei Minuten später machte Gaetano Uffugo mit seinem Treffer zum 3:1 den Deckel drauf - erneut nach Vorlage des unermüdlichen Vegliaturo. "Da war bei uns kurz Stromausfall. Erst rechts, dann links - und plötzlich überall", kommentierte Luccas Trainer Beck sarkastisch. Seine Mannschaft versuchte zwar, noch einmal anzulaufen, doch Belsito scheiterte in der 82. Minute ebenso am glänzend reagierenden Argusto wie zuvor Enrico Figline. Statistisch betrachtet war Lucca eigentlich kein schlechtes Team an diesem Abend. 56 Prozent Ballbesitz, fast gleich viele gewonnene Zweikämpfe - aber die Gäste schossen eben doppelt so oft aufs Tor (15 Torschüsse zu 8) und trafen doppelt so sicher. Dass Bianchi und Marco De Luca noch Gelb sahen, störte Rodengo kaum - im Gegenteil, es gab dem Sieg einen Hauch von rustikaler Authentizität. Auf den Rängen machte sich indes Ratlosigkeit breit. "Wir spielen schön, aber die anderen treffen," murmelte ein älterer Herr mit Lucca-Schal in der 85. Minute und brachte damit die Stimmung treffend auf den Punkt. Die letzten Minuten verstrichen ohne große Dramatik - Rodengo verteidigte clever, setzte hin und wieder giftiges Pressing (spätestens ab Minute 90) und ließ Lucca ins Leere laufen. Nach Schlusspfiff klatschten die Gäste ausgelassen ab, während Luccas Spieler mit hängenden Köpfen in die Katakomben trotteten. "Wir haben einfach zu brav gespielt," gab Beck zu. "Rodengo war in den entscheidenden Momenten gieriger - und vielleicht auch ein bisschen frecher." Jan Beyer grinste währenddessen in die Mikrofone: "Wir wussten, dass sie viel Ballbesitz haben. Aber den kann man sich ja nicht einrahmen." Ein Satz, der hängen blieb - wie das Ergebnis. Rodengo Saiano nimmt drei Punkte mit, Lucca bleibt mit schönen Statistiken, aber leerer Hand zurück. Und irgendwo zwischen den leeren Espressotassen auf der Pressetribüne fragte sich einer laut: "Wie kann man mit so viel Ballbesitz so wenig anfangen?" Die Antwort blieb aus - wie der zweite Treffer für Lucca. Vielleicht beim nächsten Mal. Bis dahin gilt: Wer mehr schießt, gewinnt. Und wer schöner spielt, darf immerhin darüber reden. 29.09.643996 16:20 |
Sprücheklopfer
Hoch gwinnen wern ma nimma.
Toni Polster in der Halbzeitpause des Länderspiels Spanien gegen Österreich beim Spielstand von 5:0 (Endstand 9:0 für Spanien)