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Es war ein lauer Märzabend in Petah Tikva, doch auf dem Rasen des voll besetzten Stadions mit 37.186 Zuschauern wehte ein eisiger Wind der Enttäuschung durch die Reihen der Petah Reds. Am 13. Spieltag der 1. Liga Israel verloren die Gastgeber 0:1 gegen Tirat Carmel FC - und das, obwohl sie mehr Ballbesitz hatten, mehr Pässe spielten und über weite Strecken den Ball streichelten wie eine Katze ihr Lieblingskissen. Nur: Tore gab es keine. Jedenfalls nicht für sie. Der entscheidende Moment kam in der 65. Minute. Tirats Rechtsaußen Ivica Jovanovic, gerade erst zur zweiten Halbzeit wieder auf den Platz gekommen, nahm sich ein Herz (und vielleicht auch ein Stück Rasen) und zog aus 18 Metern ab. Der Ball zischte in hohem Bogen über den ausgestreckten Dani Friedmann hinweg - 0:1. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Jovanovic nach dem Spiel, "aber dann dachte ich: Warum nicht mal schauen, ob der Himmel heute offen ist?" Offen war er. Und auch das Tor. Bis dahin hatten die Reds das Spiel weitgehend kontrolliert. 54 Prozent Ballbesitz, ein taktisch balanciertes System, das Trainer (dessen Name die Reportermeute vergeblich suchte - er hatte sich direkt nach dem Abpfiff in den Katakomben verkrochen) offensichtlich auf Stabilität angelegt hatte. Doch während Petah sicher passen wollte, spielte Tirat Carmel einfach Fußball. Mit 17 Torschüssen zu mageren vier der Gastgeber war das Kräfteverhältnis in Sachen Mut und Zielstrebigkeit eindeutig verteilt. Schon in der Anfangsphase deutete sich an, dass die Gäste gefährlicher agierten. Rahim Erkin prüfte in der 6. Minute Friedmann, Joel Cantwell schoss fast im Minutentakt, und selbst der linke Verteidiger Kacper Wojciechowski durfte in der 38. Minute mal draufhalten. Die Reds hingegen wirkten, als hätten sie die Tore versehentlich im Trainingslager vergessen. In der 47. Minute wurde es dann gelb: Yochanan Benayoun sah nach einem rustikalen Einsteigen die erste Verwarnung für Petah. "Er hat den Ball gespielt", beschwerte sich Kapitän Awraham Zorea, worauf der Schiedsrichter trocken antwortete: "Ja, aber zehn Sekunden später." Für Gelächter auf der Tribüne sorgte das nicht, aber immerhin für Gesprächsstoff. Als dann in der 69. Minute Esterina Benayoun - die junge Rechtsverteidigerin und Schwester des bereits verwarnten Yochanan - glatt Rot sah, war der Abend endgültig gelaufen. "Ich wollte nur zeigen, dass ich genauso kämpferisch bin wie mein Bruder", sagte sie mit einem schiefen Lächeln nach dem Match. Tirat-Coach Babsi Klemm kommentierte das trocken: "Wir haben uns über die rote Karte nicht beschwert. Wir waren ja eh schon besser." Kurz vor Schluss wurde es noch einmal turbulent: Tirats Rechtsverteidiger Hjalmar Dalgaard, zuvor wegen zu forscher Zweikampfführung verwarnt, holte sich in der 79. Minute auch noch Gelb-Rot ab. "Ich dachte, ich hätte den Ball getroffen", murmelte er in den Katakomben, während Klemm daneben grinste: "Er hat sich wohl den falschen Ball ausgesucht - den, der am Fuß des Gegners klebte." Taktisch blieb Tirat Carmel bis zum Schluss mutig. Offensiv ausgerichtet, aggressiv, mit Pressing und Flügelspiel - so, wie man es in der Fremde eigentlich nur wagt, wenn man nichts zu verlieren hat. Und das zahlte sich aus. Petah dagegen spielte "balanciert" bis zur Selbsthypnose. Kein Pressing, kein Risiko, kein Tor. "Wir hatten den Ball, sie das Tor", fasste Reds-Verteidiger Zorea nach dem Spiel zusammen. "Das ist ja auch irgendwie eine Art Gleichgewicht." Sein Trainer, mittlerweile wieder aufgetaucht, sah das ähnlich nüchtern: "Wir haben uns bemüht. Leider wurde das vom Fußballgott nicht honoriert. Vielleicht war er heute in Carmel zu Hause." Die Statistik spricht Bände: 17:4 Torschüsse für Tirat, ein Zweikampfwert von 57 Prozent für die Gäste, und das alles trotz Unterzahl in der Schlussphase. Die Reds dagegen wirkten wie ein Orchester ohne Dirigenten - jeder spielte irgendwie, aber keiner wusste genau, was. Am Ende jubelte also Tirat Carmel FC über drei Punkte und einen Jovanovic, der mit seinem Traumtor nicht nur das Spiel entschied, sondern auch seine Trainerin umarmte, als hätte er gerade den Titel geholt. "Ich hab ihm gesagt: Wenn du so weitermachst, darfst du beim nächsten Mal auch den Elfmeter schießen", lachte Babsi Klemm in der Pressekonferenz. Für die Petah Reds bleibt der Trost, dass Fußball ein Wiederholungsspiel ist - nur eben nicht in derselben Woche. Vielleicht nehmen sie sich beim nächsten Mal ein Beispiel an Tirat Carmel: weniger Ballbesitz, mehr Mut. Oder, wie ein Fan auf der Tribüne rief, als der Schlusspfiff ertönte: "Schön gespielt, aber wer schießt jetzt die Tore?" Ein sarkastischer, aber treffender Kommentar zum Abend, an dem Zahlen und Ästhetik nichts zählten - nur das eine Tor von Ivica Jovanovic. 30.03.643994 10:37 |
Sprücheklopfer
Das sind Gefühle, wo man schwer beschreiben kann.
Jürgen Klinsmann