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43218 Zuschauer im Grazer Stadion sahen an diesem lauen Maiabend ein Spiel, das alles hatte, was die 1. Liga Österreich so liebenswert macht: Leidenschaft, Chancenwucher und ein Ergebnis, das niemandem so richtig schmeckte. 1:1 hieß es am Ende zwischen Rot-Weiß Graz und dem SV Gmunden - ein Resultat, das auf dem Papier gerecht aussieht, aber die Geschichte des Spiels nur unzureichend erzählt. Denn wer nur auf die Statistik blickt, könnte glauben, Graz hätte das Spiel gewonnen, vielleicht sogar deutlich: 19 Torschüsse zu 5, 61 Prozent Ballbesitz, 55 Prozent gewonnene Zweikämpfe. Doch Fußball ist bekanntlich kein Mathematikunterricht. Und so sah man am Ende viele ratlose Gesichter in Rot-Weiß. "Ich glaube, wir hätten noch zwei Stunden spielen können, und der Ball hätte trotzdem nicht reingewollt", murmelte Fernando Dominguez, der auffälligste Mann auf dem Platz und Torschütze des Ausgleichs, leicht genervt in die Mikrofone. Dabei hatte es für die Gäste aus Gmunden traumhaft begonnen. Schon in der 6. Minute donnerte Edward Martineau, nach klugem Zuspiel von Osip Malzew, den Ball aus halbrechter Position in den Winkel. Ein Treffer wie aus dem Lehrbuch - und wie aus dem Nichts. Rot-Weiß Graz hatte bis dahin noch gar nicht richtig ins Spiel gefunden, während Gmunden ihren "Offensiv-Konter"-Matchplan, wie Trainer Paul Gloesmann ihn nennt, perfekt umsetzte. "Wir wussten, dass Graz gern das Spiel macht. Also haben wir sie machen lassen", grinste Gloesmann nach Abpfiff und zupfte zufrieden an seinem Trainingsanzug. Und tatsächlich: die Grazer spielten, kombinierten, passten - aber trafen nicht. Fernando Dominguez prüfte Keeper Jozef Hlinka gleich mehrfach (5., 28., 32., 36. Minute), doch der 35-jährige Routinier im Gmundener Tor wuchs über sich hinaus. Bis zur 36. Minute. Da war es dann soweit: Stanko Drulic, der quirlige Mittelfeldmotor, setzte sich im Zentrum durch, steckte durch auf Dominguez - und der traf endlich. 1:1, und das Stadion explodierte. Trainer Carsten Krause sprang an der Seitenlinie auf, fuchtelte wild mit den Armen und brüllte: "Endlich! Der Ball lebt doch!" Was dann folgte, war ein Lehrstück in Sachen vergebene Chancen. Graz drängte, kombinierte, flankte - aber der Ball wollte partout nicht ins Tor. Jonas Held, Stanko Drulic und wieder und wieder Dominguez schossen, als gäbe es Punkte für Zielwasserverbrauch. Gmunden hingegen verteidigte mit Herz, Hirn und einer Prise Glück. In der 80. Minute brachte Krause frische Kräfte: Jürgen Petersen, Meik Kluge und Pim Bushnell kamen. Letzterer hätte in der 86. und 91. Minute beinahe noch alles klar gemacht, aber Hlinka war erneut zur Stelle. "Wenn man 19 Mal aufs Tor schießt und nur einmal trifft, sollte man vielleicht einen Altar für den gegnerischen Torwart bauen", sagte Krause nach dem Spiel halb ernst, halb spöttisch. "Aber gut, wir haben es versucht. Mehr kann man nicht verlangen - außer vielleicht ein zweites Tor." Die Gäste aus Gmunden konnten mit dem Punkt sehr gut leben. Ihr Coach Gloesmann lobte seine Mannschaft für "eine disziplinierte, ehrliche Defensivarbeit". Besonders Youngster Richard Scholz, der in der 66. Minute für Malzew kam, bekam ein Extra-Lob: "Der Bursche ist 17, hat aber gespielt, als hätte er schon 70 Pflichtspiele auf dem Buckel." Auf der anderen Seite war der Frust groß. Dominguez, der gefühlt allein mehr Schüsse abgab als Gmunden insgesamt, wurde in der 80. Minute ausgewechselt und schlich mit gesenktem Kopf vom Platz. "Ich wollte weiter draufhalten, aber der Trainer meinte, ich solle die Latte mal schonen", sagte er später mit einem schiefen Grinsen. Und so blieb es beim 1:1 - einem Ergebnis, das Rot-Weiß Graz zwar nicht hilft, aber immerhin den letzten Spieltag ohne Niederlage überstehen lässt. Die Fans verabschiedeten ihre Mannschaft mit Applaus, wohl wissend, dass Einsatz und Wille gestimmt hatten. "Wenn wir so weitermachen, platzt irgendwann der Knoten", meinte Mittelfeldmann Drulic zum Schluss optimistisch. Vielleicht hat er recht. Vielleicht auch nicht. Aber eines ist sicher: Wer 19 Mal schießt, darf sich wenigstens über gute Kondition freuen. Und wer nach 90 Minuten trotz 61 Prozent Ballbesitz nur einen Punkt holt, hat immerhin Gesprächsstoff - für den Stammtisch, die Kabine und den nächsten Montagmorgen im Büro. Ein Ende also, das keiner so richtig wollte, aber irgendwie passt: ein Spiel zwischen Wille und Wirklichkeit, zwischen Chancen und Chancentod. Oder, um es mit Trainer Krause zu sagen: "Manchmal gewinnt halt das Tor." 08.07.644000 06:00 |
Sprücheklopfer
Gegen uns hätten wir auch gewonnen.
Klaus Allofs