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Ein lauer Maiabend in San Marino, 53.825 Zuschauer, die Sonne taucht das Stadion in mediterranes Gold - und dann ein Fußballspiel, das keiner so recht kommen sah. San Marino und der AC Neapel trennen sich mit einem wilden 3:3, einem Ergebnis, das so nach Chaos riecht wie nach Leidenschaft. "Ich wollte eigentlich Herzschrittmacher verteilen lassen", grinste Heimtrainer Lukas Teuber später, "aber die Nachfrage war zu hoch." Schon früh wurde klar: Hier würde kein Bus geparkt. San Marino legte los, als ginge es um den letzten freien Liegestuhl an der Riviera. Zehn Minuten sind gespielt, als Jorge Maniche den Ball volley nimmt - ausgerechnet nach einem Fehlpass von Neapels Mittelfeld. Drin! 1:0. Maniche rennt jubelnd zur Eckfahne, während Teuber an der Seitenlinie die Faust ballt, als wolle er dem Spiel höchstselbst die Richtung zeigen. Doch wer Neapel kennt, weiß: Die Süditaliener sind zu stolz, um sich wegkontern zu lassen. Christophe Lehmann, der älteste Mittelfeldpoet auf dem Platz, zirkelt in der 43. Minute einen Ball ins Netz, der beinahe schon nach Rotwein und Routine riecht. Vorher hatte Cesare Longobucco, der 21-jährige Innenverteidiger, den vielleicht schönsten öffnenden Pass des Abends gespielt - kurz bevor er sich später verletzte. Halbzeitstand: 1:1. "Wir wussten, dass die zweite Hälfte ein Tanz wird", sagte Neapels Trainer Giovanni Diaco später mit einem süffisanten Lächeln. Ein Tanz wurde es, allerdings eher ein Flamenco als ein Walzer. Nur acht Minuten nach Wiederanpfiff trifft Emil Musiala (nicht verwandt mit dem deutschen Wunderkind, wie er betont), nach feiner Vorarbeit von Lehmann - 2:1 Neapel. Die Süditaliener dominieren den Ballbesitz (54 Prozent), wirken reifer, abgeklärter. Doch wer San Marino schon abgeschrieben hatte, kennt ihre Sturheit nicht. In der 63. Minute fällt das 3:1 für Neapel durch Christopher Gady - und alle denken: Jetzt ist’s gelaufen. Denkste! Nur eine Minute später schlägt Mariusz Chalaskiewicz zurück, eiskalt nach Flanke von Bernardo Jemez. 2:3. Und als sich gerade alle Notizblöcke der Journalisten auf "Achtung: Moral" einstellen, donnert eben jener Jemez in der 73. Minute den Ball aus 18 Metern ins Netz. 3:3. Das Stadion tobt. Ein älterer Fan hinter mir ruft: "Wir sind San Marino, kein Sparringspartner!" - und das mit einer Inbrunst, dass selbst der Stadionsprecher kurz schweigt. Die Schlussphase war dann eine Mischung aus Drama und Improvisationstheater: Neapel drückt, San Marino kontert, und irgendwo dazwischen hält Torwart Lewis Dubois, als hätte er Spiderman in der Familie. In der 93. Minute feuert Lehmann noch einmal aufs Tor, aber diesmal fliegt Dubois mit ausgestrecktem Arm und rettet den Punkt. Raphael Reich sieht in der Nachspielzeit noch Gelb - vielleicht aus Frust, vielleicht, um eine Erinnerung mit nach Hause zu nehmen. "Das war kein Fußballspiel, das war eine Oper", meinte Teuber nach Abpfiff und grinste in die Mikrofone. "Mit drei Akten, falschen Tenören und einem Happy End für alle." Diaco hingegen knurrte: "Wir hatten zwölf Torschüsse und führen 3:1 - dann hören wir auf zu spielen. Vielleicht dachten die Jungs, es gäbe Espresso in der Kabine." Statistisch gesehen war Neapel das aktivere Team: 12 Torschüsse, mehr Ballbesitz, leicht bessere Zweikampfquote. Aber San Marino hatte Herz, Schweiß und eine erstaunliche Portion Humor. "Ich hab’ zwischendurch gedacht, wir verlieren 1:5", gab Stürmer Chalaskiewicz lachend zu. "Aber dann fiel das 2:3, und wir wollten einfach noch einmal zeigen, dass wir mehr sind als ein Punktelieferant." Auch taktisch war’s ein Lehrbuch in Balance: Beide Teams starteten ausgewogen, steigerten am Ende die Aggressivität und das Pressing. Besonders auffällig: San Marino stellte in der Schlussphase auf aktives Pressing um - ein Risiko, das sich auszahlen sollte. "Wenn du gegen Neapel hinten drinstehst, gehst du unter", erklärte Teuber. "Also haben wir lieber vorne gebrannt." Und so endet ein Abend, der in die Kategorie "Warum wir Fußball lieben" fällt. Drei Tore pro Seite, keine Sieger, aber viele Helden. In San Marino wurde gefeiert, als hätte man die Champions League gewonnen. Neapel dagegen reiste ab mit der Erkenntnis: Auch kleine Staaten haben große Herzen. "Vielleicht war’s nur ein Punkt", sagte Dubois beim Hinausgehen, "aber für uns war’s ein Statement." Und wer ihm dabei in die Augen sah, wusste: Es war ehrlich gemeint. Ein 3:3, das schmeckt wie ein guter Espresso - stark, überraschend und mit einem langen Nachhall. 23.08.644000 13:04 |
Sprücheklopfer
Der Trainer wird uns schon auf den Boden zurückholen. Morgen wird es den längsten Waldlauf der Geschichte geben!
Jan-Aage Fjörtoft bei Eintracht Frankfurt unter Felix Magath nach einem 4:0-Sieg