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Ein lauer Maiabend, 35.238 Zuschauer, ein Hauch von Samba und jede Menge Emotionen: AD Santo Andre schlägt UD Santos mit 2:1 (2:1) und liefert damit ein kleines Fußball-Drama, das man so auch auf einer brasilianischen Theaterbühne hätte aufführen können - inklusive Helden, tragischen Figuren und hitzigen Trainerzitaten. Dabei begann alles so, als würde der Favorit aus Santos das Drehbuch schreiben. Schon in der 7. Minute zappelte der Ball im Netz von Keeper Caio Santos, als Alexandru Ungureanu nach einem Doppelpass mit Ralph Frei trocken ins linke Eck vollstreckte. 0:1, und die Gäste jubelten, als hätte man gerade die Liga gewonnen. "Wir wollten Santo Andre früh den Stecker ziehen", erklärte UD-Trainer San Santa später mit einem Grinsen, das irgendwo zwischen Stolz und Ärger pendelte. Doch Santo Andre ließ sich nicht beirren. Trainer Alexander Pachmann, sonst eher der analytische Typ mit Notizblock und Kaffeebecher, sprang an der Seitenlinie herum wie ein Mann, der vergessen hat, dass er eigentlich kein Tänzer ist. "Ich hab den Jungs zugerufen: Wir spielen hier zu Hause, das ist unser Rasen - und außerdem haben wir Paulo!", erzählte er lachend nach der Partie. Und tatsächlich: In der 18. Minute schlug Leandro Ze Castro zu - nach feinem Zuspiel von besagtem Paulo Garcia. Ein Schuss aus zwölf Metern, halb Schlenzer, halb Wuchtgeschoss - und plötzlich stand es 1:1. Das Stadion tobte, und irgendwo in der Fankurve fiel vermutlich mehr Bier als Tränen. Nur acht Minuten später drehte sich das Spiel endgültig. Paulo Garcia, der bereits den Ausgleich vorbereitet hatte, startete nach Pass von Amit Tamuz in typischer Stürmermanier - kurz schauen, dann draufhalten. Der Ball klatschte an den Innenpfosten und trudelte ins Tor. 2:1, und Santo Andre hatte das Spiel in Rekordzeit gewendet. "Ich hab gar nicht richtig gesehen, ob der Ball drin war", grinste Garcia später. "Aber als die Fans schrien, wusste ich: Das war wohl nicht daneben." Danach entwickelte sich ein Duell auf Augenhöhe. UD Santos, leicht im Ballbesitz-Nachteil (48,3 Prozent), aber mit einem Torschuss mehr (11:10), drückte vehement - besonders der junge Caio Baiao zeigte, warum man in Brasilien so gerne über Nachwuchsredet wie über Wetter und Politik. Seine Dribblings sorgten mehrfach für Raunen auf den Rängen, doch am Ende fehlte die letzte Konsequenz. Kurz vor der Pause reagierte Trainer Santa mit einem Doppeltausch: Julian Derlei kam für den jungen Fabio Bosingwa, und Fernando Viana ersetzte Innenverteidiger Devereux. "Wir wollten offensiver werden, aber irgendwie hat der Ball uns nicht mehr geliebt", meinte Santa später sarkastisch. Die zweite Halbzeit war dann ein Lehrstück in Sachen "fast, aber eben nicht ganz". UD Santos war bemüht, Santo Andre lauerte auf Konter - und Paulo Garcia auf seinen zweiten Treffer. Drei Mal (60., 73., 78. Minute) prüfte er den gegnerischen Keeper Arkadiusz Dziekanowski, der jedoch zeigte, dass er nicht nur einen komplizierten Namen, sondern auch flinke Hände hat. In der Nachspielzeit wurde es noch einmal wild: Georges Jürgens (92.) und Julian Derlei (93.) feuerten aus der Distanz - beide Male knapp vorbei. Trainer Pachmann drehte sich demonstrativ zur Bank und rief: "Ich brauch jetzt keinen Herzinfarkt!" Seine Spieler schmunzelten - und überstanden die letzten Sekunden. Statistisch war’s ein Duell auf Messers Schneide: 51,7 Prozent Ballbesitz für Santo Andre, 48,3 für Santos, Zweikampfquote leicht zugunsten der Gäste (51,3 Prozent). Doch am Ende zählt, wer die Tore macht - und das waren eben Ze Castro und Garcia. "Wir haben heute Charakter gezeigt", resümierte Pachmann. "Nach dem Rückstand so zurückzukommen, das war stark. Ich bin stolz auf meine Jungs - und auf meinen Blutdruck, der das ausgehalten hat." Gegenüber stapfte San Santa kopfschüttelnd vom Platz, murmelte noch ein "Wir hätten gewinnen können" - und verschwand im Tunnel. Vielleicht, um dort den Ball zu suchen, der ihnen in der siebten Minute noch gehört hatte. Ein Augenzwinkern zum Schluss: Wenn AD Santo Andre weiter so spielt, werden die Fans bald sagen, dass die Mannschaft nicht nur Tore schießt, sondern auch Geschichten erzählt. Und wer weiß - vielleicht hat Trainer Pachmann ja doch ein bisschen Samba im Blut. (Spielstand: 2:1 für AD Santo Andre - Tore: Ungureanu 7., Ze Castro 18., Garcia 26.) 04.01.644000 18:23 |
Sprücheklopfer
Ich weiß auch nicht, woran es liegt, dass wir immer, wenn wir führen oder zurückliegen, doch noch verlieren.
Jens Jeremies