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Was für ein Abend im ausverkauften Selkirk Stadium! 53.662 Zuschauer erlebten ein Play-off-Hinspiel der Conference League, das alles bot, was man an einem kühlen Maiabend in Schottland erwarten darf: frühe Tore, ruppige Zweikämpfe und ein Hauch Dramatik, der selbst die hartgesottenen Fans kurz die Stimme verlieren ließ. Am Ende jubelte Selkirk Athletic über ein 2:1 gegen PVC Eindhoven - dank eines Mannes, der offenbar beschlossen hatte, das Spiel allein zu entscheiden: Mario Pace. Es dauerte keine fünf Minuten, bis die Gäste aus den Niederlanden das Stadion verstummen ließen. Nelio Viana, der 33-jährige Mittelfeldstratege, fasste sich nach Vorarbeit von Linksverteidiger Lars Cure ein Herz und nagelte den Ball aus 20 Metern unhaltbar unter die Latte. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Viana nach dem Spiel, "aber manchmal muss man den Fußballgöttern einfach den Ball überlassen." Doch Selkirk zeigte, dass es durchaus eigene Götter im Mittelfeld hat. Nur zwei Minuten nach dem Rückstand konterten die Schotten mit der Entschlossenheit eines Teams, das kein Heimspiel herschenken will. Samuel MacLaren spielte einen perfekten Steilpass in den Lauf von Mario Pace, der den Ball humorlos an Eindhoven-Keeper Fotios Siontis vorbeischob - 1:1. "Ich hab’ nicht nachgedacht", sagte Pace später, "vielleicht war das das Beste daran." Nach diesem Doppelschlag beruhigte sich das Geschehen ein wenig, zumindest oberflächlich. In Wahrheit tobte ein taktisches Schachspiel auf dem Rasen. Eindhoven blieb seinem defensiven Konzept treu, tief stehend, geduldig, fast ein wenig zu geduldig. Trainer Markus Frey erklärte nach der Partie: "Wir wollten nicht ins offene Messer laufen. Leider sind wir dann am eigenen Messer hängen geblieben." Selkirk hingegen setzte auf Flügelspiel und aggressives Pressing, wie es Trainer Jan Moese liebt. "Wenn wir schon rennen, dann bitte gemeinsam", rief er mehrfach von der Seitenlinie - laut genug, dass auch die erste Reihe auf der Haupttribüne zusammenzuckte. Seine Mannschaft folgte der Ansage: Di Giovanni und Vega wirbelten über die Außen, während in der Mitte MacAlister die Fäden zog. Kurz vor der Pause wurde es noch einmal hitzig. Innenverteidiger Edward Forbes sah in der 27. Minute Gelb, nachdem er Eindhoven-Stürmer Teo Males mit einem rustikalen Schultercheck in die Werbebande geschickt hatte. "Das war englischer Fußball", meinte Forbes später trocken, "nur eben in Schottland." Nach dem Seitenwechsel kam zunächst wenig Struktur ins Spiel. Beide Teams neutralisierten sich, Selkirk wechselte in der 60. Minute den Torwart - Riley Cawdor musste verletzt vom Platz, Joao Velez übernahm. Eine Szene, die Moese nach dem Spiel als "ungeplant, aber irgendwie passend zu diesem wilden Abend" bezeichnete. Dann kam die 66. Minute - und wieder Mario Pace. Nach einer butterweichen Flanke des eingewechselten Marc Piccard stieg der Stürmer höher als zwei niederländische Verteidiger und köpfte den Ball ins lange Eck. Das Stadion explodierte. "Ich hab’ gar nicht gesehen, wie der Ball reinging", sagte Piccard später, "aber ich hab’s am Lärm gemerkt." Eindhoven versuchte danach, das Spiel an sich zu reißen, doch ihre offensive Harmlosigkeit blieb ihr größter Gegner. Nur vier Torschüsse standen am Ende zu Buche - Selkirk brachte es auf doppelt so viele. Der Ballbesitz war mit 50,4 zu 49,6 Prozent fast ausgeglichen, aber in den entscheidenden Momenten hatten die Schotten das Quäntchen mehr Mut. In der 87. Minute wurde es noch einmal dramatisch: Eindhovens Ronny Arens verletzte sich bei einem unglücklichen Zweikampf und musste ausgewechselt werden. Ersatzmann Nelio Sandoval kam, brachte aber keine Wende mehr. Immerhin gelang es Dedrick Dag, sich kurz vor Schluss noch eine Gelbe Karte abzuholen - wohl um wenigstens in der Statistik aufzutauchen. Nach dem Abpfiff war die Stimmung auf den Rängen ausgelassen. Trainer Moese fasste den Abend zusammen: "Wir haben kein perfektes Spiel gesehen, aber ein ehrliches. Und ehrliche Spiele gewinnt man manchmal mit Schrammen." Sein Kollege Frey nickte nur und meinte: "Wir leben noch. Und wir haben ein Rückspiel." Damit geht Selkirk Athletic mit einem 2:1-Vorsprung in das zweite Duell in Eindhoven - ein Ergebnis, das Hoffnung macht, aber kein Ruhekissen ist. "Wir wissen, was uns dort erwartet", sagte Doppeltorschütze Pace und grinste, "Windmühlen und Gegenpressing." Man darf also gespannt sein, ob Selkirk auch in den Niederlanden noch genug Rückenwind hat. Doch an diesem Abend gehörte der Applaus eindeutig den Schotten - und einem Mario Pace, der gezeigt hat, dass Timing manchmal wichtiger ist als Taktik. 04.01.644000 14:15 |
Sprücheklopfer
Kopfball war für mich immer so etwas ähnliches wie Handspiel.
Günter Netzer