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Wer am Dienstagabend im St. Mary’s Stadion pünktlich zum Anpfiff kam, durfte sich nach genau zwölf Minuten schon fragen, ob er sich im falschen Film befindet. Die London Gunners führten da nämlich bereits 2:0 - und das mit einer derart britischen Effizienz, dass selbst der Pub nebenan kurzzeitig verstummte. Lukas Hoj eröffnete in der sechsten Minute nach feinem Zuspiel von Ernesto Moutinho, und nur sechs Minuten später erhöhte Tamas Szucs nach Vorarbeit von Frederic Pernet, als Southamptons Abwehr kollektiv einen Teepausenmoment einlegte. "Wir waren noch im Warmmachen, glaube ich", knurrte später Southampton-Coach Michael Böning, der seinen Kaffee nach dem zweiten Tor energisch abstellte. "Aber gut - wir Engländer lieben ja Dramen." Das Drama nahm ab der 36. Minute Fahrt auf. Linksverteidiger Matthew Finnan, sonst mehr für rustikale Grätschen als für Kunstschüsse bekannt, fasste sich ein Herz und drosch den Ball nach Vorlage von Adam Hennessy unter die Latte - 1:2. Ein Tor, das wie ein Weckruf wirkte. Von da an war Southampton wach, bissig und laut. Die Gunners, bis dahin souverän, verloren plötzlich jeden Rhythmus. Zur Halbzeit blieb es beim 1:2, doch schon da zeichnete sich ab: Das wird kein gemütlicher Abend. 53.225 Zuschauer spürten, dass da noch was in der Luft lag - so etwas wie Stolz, Wille oder vielleicht einfach die pure Lust am Chaos. Direkt nach Wiederbeginn brachte Böning den jungen Norweger Jan Ovesen, der mit seiner Unbekümmertheit frischen Wind brachte. Und siehe da, in der 54. Minute schlug es erneut ein - Meir Pizanti verwandelte eine butterweiche Flanke von Billy Benett zum 2:2. Das Stadion explodierte, die Gunners wirkten konsterniert. Doch wer dachte, das Spiel kippe nun endgültig, irrte - nur eine Minute später traf Humberto Varela für die Londoner zum 3:2. Und wieder hatte Southampton alles auf Anfang zu setzen. Böning schüttelte auf der Bank nur den Kopf: "Ich hab kurz überlegt, ob ich einfach den Platz verlasse und aus der Ferne coache." Aber seine Mannschaft dachte gar nicht daran, aufzugeben. In der 61. Minute erzielte Gerritt Van Cortlandt nach Vorarbeit von Benett das 3:3 - und diesmal blieb kein Sitzplatz mehr unbenutzt. Vier Minuten danach war es wieder Pizanti, der mit seinem zweiten Treffer den finalen 4:3-Sieg besiegelte. Dieses Mal hatte William Corey die Vorlage geliefert, und der Jubel war ohrenbetäubend. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Pizanti später. "Wenn du 18 Torschüsse hast, muss einer reingehen - oder vier." Recht hatte er: Southampton feuerte insgesamt 18 Mal aufs Tor, London kam nur auf neun Versuche. Auch beim Ballbesitz war die Sache ausgeglichen (50,6 zu 49,4 Prozent), aber die Gastgeber hatten den längeren Atem - und die lauteren Fans. Die Gunners dagegen wirkten nach dem 3:4 zunehmend ratlos. Trainer Hubert Wetzel, sonst ein ruhiger Taktiker, tigerte unruhig an der Seitenlinie entlang und brüllte seinen Männern zu, "endlich mal wieder Fußball zu spielen". Seine Wechsel - Densham für Szucs, Costa für Brito - brachten zwar frische Beine, aber keine Ideen. In der 82. Minute sah Ernesto Moutinho noch Gelb, was symbolisch für den Frust der Gäste stand. Southampton hingegen spielte weiter mit offenem Visier, als hätte es gar nicht 65 Minuten lang Achterbahn gegeben. Die letzten Minuten waren ein einziger Hexenkessel, in dem Theo Whitman und Ovesen noch Chancen auf das 5:3 liegen ließen. Nach Abpfiff fiel Böning seinem Co-Trainer um den Hals, während der Stadionsprecher kaum gegen die Jubelgesänge ankam. "Das war kein Spiel, das war ein Rockkonzert", lachte Billy Benett, "nur dass wir die Gitarren weggelassen haben." Wetzel hingegen sprach von einer "bitteren Lektion in Sachen Konsequenz". Seine Gunners, die nach 12 Minuten wie der sichere Sieger aussahen, standen am Ende mit leeren Händen da - und mit der Erkenntnis, dass selbst 49,4 Prozent Ballbesitz nichts nützt, wenn der Gegner einfach mehr Bock hat. So endet ein Abend, der in Southampton wohl noch lange erzählt werden wird: vom 1:2 zur Pause, vom Flügelsturm Pizanti, vom Trotz eines Teams, das sich nicht abschreiben ließ. Und irgendwo zwischen der 65. Minute und dem Schlusspfiff lag die ganze Magie des Fußballs - dieser seltsamen Mischung aus Verzweiflung und Glück, die 53.225 Menschen zum Lächeln brachte. Oder wie Böning es mit einem Augenzwinkern zusammenfasste: "Manchmal ist Taktik überschätzt. Manchmal reicht einfach Herz." 11.05.644000 03:18 |
Sprücheklopfer
Wenn mein Vater da gewesen wäre, hätte sich mein Leben vollkommen anders entwickelt. Viel zielgerichteter. Dann wäre meine Mutter zu Hause gewesen. Ich hätte vernünftig für die Schule gearbeitet, einen normalen Beruf erlernt und wäre nicht in den Fußball abgedriftet.
Felix Magath