// Startseite
| Sportecho |
| +++ Sportzeitung für Deutschland +++ |
|
|
|
Es war einer dieser Abende, an denen die Fußballgötter offenbar einen Hang zum Drama hatten. 34.558 Zuschauer im Merseburger Stadion sahen ein Spiel, das sie so schnell nicht vergessen werden - vor allem nicht die Fans des VfB Merseburg, die in der 94. Minute kollektiv die Luft anhielten, nur um Sekunden später enttäuscht in ihre Schals zu seufzen. Denn Bad Kleinen, dieser gallige Gast aus dem Norden, klaute dem VfB in letzter Sekunde den Punkt, den er sich redlich verdient hatte. Am Ende stand ein 2:3 (1:1) auf der Anzeigetafel, und der Jubel der Gäste klang wie ein Spottlied für alle, die schon an ein Happy End geglaubt hatten. Dabei fing alles so vielversprechend an. Martin Pudil, der flinke Rechtsaußen mit der Präzision eines Chirurgen, brachte Merseburg bereits in der 18. Minute in Führung - nach feinem Zuspiel von Marko Dudic. "Ich hab den Ball eigentlich gar nicht richtig getroffen", grinste Pudil hinterher, "aber manchmal hilft der liebe Fußballgott auch den Ehrlichen." Doch Bad Kleinen ließ sich davon kaum beeindrucken. Trainer Cw WC - ja, der Name ist so real wie sein minimalistischer Stil - blieb stoisch an der Seitenlinie, während seine Mannschaft langsam den Rhythmus fand. In der 37. Minute zeigte Frank Thomas, dass er nicht nur schnell, sondern auch eiskalt ist. Nach einem Abpraller zog er trocken ab - 1:1. "Wir wollten Ruhe bewahren", sagte Thomas später, "und das hat funktioniert. Zumindest bis der Schiri wieder nachspielen ließ." Nach der Pause ging es hin und her, Merseburg mit mehr Ballbesitz (51 Prozent) und satten 18 Torschüssen, Bad Kleinen mit elf, aber eben effizienteren. Der VfB drückte, hatte Chancen en masse - Amaury Brito, Pudil, Romano - sie alle versuchten, den Ball am überragenden Keeper Yannik Wilhelm vorbeizuschieben. Doch Wilhelm schien an diesem Abend alle magnetischen Kräfte des Nordens in seinen Handschuhen zu vereinen. Dann kam die 74. Minute. Wieder war es Bad Kleinen, das zuschlug. Marwin Paul, rechts vorne, bekam den Ball nach Flanke von Jannik Wimmer - und setzte die Kugel ins lange Eck. 2:1 für die Gäste. "Wir haben da geschlafen", knurrte Merseburgs Trainer Dieter Bergmann später. "Ich hab’s ihnen doch gesagt: Wenn der Paul Platz hat, geht’s schief." Aber Merseburg steckte nicht auf. In der 86. Minute machte ausgerechnet Linksverteidiger Rafet Karaer den Ausgleich, nachdem Agustin Obregon ihn auf die Reise geschickt hatte. Karaer drosch den Ball in die Maschen, als wolle er die Enttäuschung der letzten Wochen einfach wegschießen. Das Stadion tobte. "Ich dachte, jetzt kippt’s", meinte Bergmann. Und es kippte - nur in die falsche Richtung. In der vierten Minute der Nachspielzeit kam Bad Kleinen noch einmal nach vorn. Der Ball lief über Manuel Semeraro auf die rechte Seite, Frank Thomas lauerte - und traf zum zweiten Mal an diesem Abend. 3:2, der späte Dolchstoß. Während die Gäste jubelnd in einer Spielertraube versanken, stand Merseburgs Ersatzkeeper Robert McGowan an der Seitenlinie und schüttelte nur den Kopf. "Das ist Fußball", murmelte er. "Manchmal gewinnst du, manchmal verlierst du - und manchmal wirst du einfach veräppelt." Statistisch hätte Merseburg das Spiel vielleicht gewinnen müssen. Mehr Schüsse, etwas mehr Ballbesitz, sogar eine leicht bessere Zweikampfquote (52,5 Prozent). Doch Bad Kleinen war kaltschnäuzig, taktisch diszipliniert, und Trainer WC - der Mann mit dem wohl unglamourösesten Namen der Liga - hatte offensichtlich den richtigen Plan. "Wir wollten nicht schön spielen, wir wollten Punkte", sagte er trocken in der Pressekonferenz. "Und das hat geklappt." Dieter Bergmann hingegen suchte Trost in Ironie: "Wenn’s nach Chancen ginge, wären wir Meister. Aber leider zählt der Ball im Netz, nicht auf dem Statistikbogen." Ein paar Fans riefen ihm beim Verlassen des Stadions zu: "Kopf hoch, Dieter, nächste Woche wird’s besser!" - worauf er nur grinste: "Ich hoffe, das sagen Sie auch noch nach der ersten Halbzeit!" So endete ein Spiel, das eigentlich keinen Verlierer verdient hatte - aber einen Sieger brauchte. Bad Kleinen nahm ihn mit, Merseburg blieb mit leeren Händen und vollem Herzen zurück. Und irgendwie passte das perfekt zu diesem Fußballabend: dramatisch, unberechenbar, ein bisschen unfair - aber herrlich echt. 29.04.644000 13:25 |
Sprücheklopfer
Wenn du liegenbleibst, dann muss schon das Bein gebrochen sein.
Christian Ziege über den Umgang mit Härte im englischen Fußball