// Startseite
| Sport-Blick |
| +++ Sportzeitung für Schweiz +++ |
|
|
|
Ein lauer Frühlingsabend, 38.100 Zuschauer im ausverkauften Stadion, und ein Spiel, das sich anfühlte, als hätte jemand in der Halbzeit die Dramaturgie einer Netflix-Serie übernommen: Blau-Weiss Luzern und der SV Fribourg trennten sich am 17. Spieltag der 1. Liga Schweiz mit einem atemlosen 3:3 - ein Ergebnis, das beiden Trainern graue Haare, aber den Fans ein breites Grinsen bescherte. Schon nach einer guten halben Stunde war klar: Wer heute auf defensive Absicherung hoffte, war im falschen Stadion. Fribourgs Alain Kunze eröffnete in der 27. Minute den Torreigen mit einem klassischen Mittelstürmer-Tor - Abstauber aus fünf Metern, ein Nicken, ein Jubel in Richtung Gästeblock. "Ich war selbst überrascht, wie frei ich da stand", grinste Kunze später. Nur 60 Sekunden später legte Cameron Kober nach - diesmal mit einem Schuss, der so präzise war, dass Luzerns Keeper Lasse Rauch nur hinterherblicken konnte. Die Vorlage kam von Harvey Leclair, der über den linken Flügel spazierte, als hätte er eine VIP-Erlaubnis für die Seitenlinie. Doch Luzern wäre nicht Luzern, wenn sie nicht wenigstens kurz Chaos verbreiten würden. In der 30. Minute war es Roger Römer, der mit einem beherzten Linksschuss auf 1:2 verkürzte - nach einer kuriosen Vorlage seines Innenverteidigers Marcel Benveniste, der sich offenbar dachte: Wenn schon hinten nichts klappt, dann eben vorne. "Ich hab einfach durchgezogen", erklärte Benveniste später trocken. Mit 47 Prozent Ballbesitz und nur acht Torschüssen gegenüber Fribourgs zwölf sah Luzern statistisch alt aus - aber Fußball wird bekanntlich nicht am Laptop gewonnen. Trainer Reinhard Wild gestikulierte an der Seitenlinie so leidenschaftlich, dass der vierte Offizielle zeitweise nach einem Regenschirm griff. "Wir wollten mutig bleiben", sagte Wild später mit einem Grinsen, "vielleicht waren wir manchmal zu mutig." Nach der Pause kam Luzern wie verwandelt aus der Kabine. Schon in der 50. Minute belohnte sich der erst 19-jährige Phillip Lavoie für eine couragierte Leistung, als er nach Benvenistes Steilpass zum 2:2 einschob. Das Stadion tobte, Rauch rieb sich die Handschuhe - und Fribourg wankte. Doch nur sieben Minuten später schlug der SV wieder eiskalt zu: Mikael Heikkinen, der finnische Taktgeber im Mittelfeld, schlenzte den Ball nach feinem Zuspiel von Roberto Solana ins lange Eck - 2:3, und Fribourg jubelte, als hätten sie den Pokal sicher. Aber Luzern hatte noch eine Pointe im Drehbuch. Kaum zwei Minuten nach dem Rückstand, in der 59. Minute, köpfte ausgerechnet Abwehrchef Marcel Benveniste nach einer Flanke von Römer das 3:3. Ein Innenverteidiger als Torschütze und Vorlagengeber - das muss man erst mal schaffen. "Ich hab’s Roger ja versprochen: Wenn du mir eine gibst, geb ich dir eine zurück", witzelte Benveniste nach dem Spiel. Danach ging’s hin und her. Heikkinen prüfte Rauch mit zwei Distanzschüssen, Römer und der eingewechselte Henri Diarra sorgten vorne für Unruhe. Die Gelbe Karte für Rechtsverteidiger Jan Born (73.) war fast schon ein Beweis, wie sehr Luzern kämpfte. Fribourg wechselte doppelt (unter anderem kam der junge Pierre Lachance), während Wild in der 80. Minute Routinier Pierre Gramont brachte, um das 3:3 über die Zeit zu retten - was erstaunlicherweise auch gelang. "Ein Wahnsinnsspiel", schnaufte Fribourg-Coach Dario Rota nach Abpfiff. "Wir hätten gewinnen können, vielleicht sogar müssen. Aber ehrlich: So macht Fußball Spaß." Sein Gegenüber Wild konterte: "Ich glaube, meine Pulsuhr hat heute Überstunden gemacht. Aber wenn man nach 0:2 zurückkommt, dann darf man auch mal stolz sein." Am Ende stand ein 3:3, das sich eher wie ein Sieg für beide Seiten anfühlte. Luzern hatte Herz, Fribourg die Struktur, und beide zusammen boten ein Spektakel, das in Erinnerung bleiben wird. Vielleicht war es also gar kein Zufall, dass sich die Zuschauer beim Hinausgehen verschworen einig schienen: "So darf’s weitergehen." Und wenn man ehrlich ist: Solange Innenverteidiger Benveniste noch Tore vorbereitet und erzielt, ist in Luzern ohnehin alles möglich. 22.07.643996 05:52 |
Sprücheklopfer
Auch wenn es eigentlich unmöglich ist, ist es noch möglich.
Stefan Effenberg