// Startseite
| Football Today |
| +++ Sportzeitung für England +++ |
|
|
|
Wer an diesem lauen Juniabend im St. Mary’s Stadium ein ruhiges Fußballspiel erwartet hatte, dürfte seine Eintrittskarte längst zerkaut haben, als der Schlusspfiff ertönte. 48.845 Zuschauer sahen ein 5:4 zwischen dem FC Southampton und Stoke City - ein Ergebnis, das eher nach Tischtennis als nach Premier-League-Fußball klingt. Schon die erste Minute ließ ahnen, dass dieser Abend kein gewöhnlicher werden würde. Gabriel Nilsson, 23 Jahre jung und offenbar mit Espresso im Blut, schlenzte den Ball nach einem feinen Zuspiel von Liam Allington ins kurze Eck - 1:0. Trainer Michael Böning grinste zufrieden: "Wir wollten früh Druck machen. Dass es gleich so klappt, war fast unheimlich." Doch Stoke City antwortete prompt. In der 9. Minute tanzte Marek Bencik die Southampton-Abwehr aus, als wären sie Pappfiguren, und netzte eiskalt ein. Nur drei Minuten später staubte Thierry Lux nach einer Ecke zum 2:1 für Stoke ab - ein Innenverteidiger mit Torinstinkt, den wohl selbst sein eigener Trainer Horst Fiedler überrascht bejubelte. "Ich wusste, dass er hoch springen kann", meinte Fiedler später, "aber dass er dort oben so lange bleibt, bis der Ball runterkommt, war neu." Southampton wirkte geschockt, aber nicht lange. Theo Whitman, der 33-jährige Routinier, nahm kurz vor der Pause eine Flanke von Joaquin Maniche mit der Brust herunter und versenkte sie mit der Eleganz eines Weinkenners, der den letzten Schluck genießt. 2:2 - und das nur nach 43 Minuten. Nach der Pause ging es weiter, als hätte jemand die "Offensivfeuerwerk"-Taste gedrückt. Whitman war erneut zur Stelle und köpfte in der 49. Minute das 3:2. Der Jubel hallte noch durchs Stadion, als Stokes Jose Duran nur eine Minute später den Ausgleich erzielte. "Ich hatte kaum Zeit, mich zu ärgern", sagte Böning später, "da war’s schon wieder unentschieden." Doch der Abend gehörte nicht der Defensive. Owen Hartshorn, Southamptons laufstarker Linksfuß, brachte die Hausherren in der 67. Minute erneut in Führung. Sein präziser Abschluss nach Doppelpass mit Allington zischte ins Netz, während Stoke-Keeper Perez ratlos hinterherschauten. Als die Zeit verrann, schien Southampton den Sieg schon in der Tasche zu haben - doch Stoke hatte noch einen Dusko in der Hinterhand. Jovanovic, gerade erst eingewechselt, traf in der 88. Minute aus der Distanz zum 4:4. Das Stadion murmelte, Böning tobte, Fiedler tanzte an der Seitenlinie. "Ich hab’ ihm gesagt, schieß einfach drauf", grinste Fiedler später. "Ich meinte aber eigentlich in die Mitte." Doch der Schlusspunkt dieses Fußballdramas gehörte wieder den Saints. In der 95. Minute, als viele schon am Parkplatz standen, köpfte Innenverteidiger Kai Peter nach einer butterweichen Flanke von Hartshorn das 5:4. Pure Ekstase auf den Rängen, ein Meer aus Rot und Weiß. Peter rannte jubelnd in Richtung Trainerbank, stolperte dabei fast über eine Wasserflasche - aber das störte niemanden. "Ich wusste gar nicht, dass ich so hoch springen kann", lachte der Matchwinner später. Statistisch war das Spiel so ausgeglichen, wie das Ergebnis spektakulär war: 15 Torschüsse für Southampton, 16 für Stoke, Ballbesitz fast pari (50,5 zu 49,5 Prozent). Eine gelbe Karte - Max Gage für Stoke - war die einzige Erinnerung daran, dass hier theoretisch auch Verteidigen erlaubt gewesen wäre. Taktisch ging es ohnehin munter zu: Beide Teams spielten offensiv, mit Pressing, Leidenschaft und einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüber der eigenen Abwehr. "Manchmal muss man einfach hoffen, dass der Ball öfter bei denen reingeht als bei uns", bekannte Böning mit einem Schulterzucken. Ein Reporter fragte ihn, ob er in der Schlussminute noch an den Sieg geglaubt habe. Böning lachte trocken: "Ich hab’ eher gehofft, dass der Schiedsrichter das Flutlicht ausschaltet." Fiedler dagegen nahm den Wahnsinn mit Humor: "Wenn du vier Tore auswärts machst und trotzdem verlierst, musst du entweder verzweifeln - oder ein Bier trinken. Ich wähle Letzteres." So endete dieser Abend, an dem beide Mannschaften zwar Defensivarbeit buchstäblich weggelächelt, aber den Fans ein Spektakel beschert hatten, das noch lange in Erinnerung bleiben wird. Ein Spiel, das man Kindern zeigen sollte, wenn man ihnen erklären möchte, warum Fußball kein Schach ist - aber manchmal genauso verrückt. 27.12.644002 18:25 |
Sprücheklopfer
In Offenbach brauchst Du eher einen Wohnwagen als eine Wohnung, so schnell bist Du wieder weg.
Peter Neururer