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Ein lauer Frühlingsabend, 34.021 Zuschauer im Stadion und ein Spiel, das man am liebsten in Zeitlupe nochmal sehen würde - wenn man denn die Nerven dazu hätte. FV Bad Urach und Bad Kleinen trennten sich am 26. Spieltag der 1. Liga Deutschland mit einem furiosen 3:3. Sechs Tore, zwei Gelbe Karten, unzählige Torschüsse - und am Ende die Erkenntnis: Beide Teams können Spektakel, aber keiner kann verteidigen. Die Partie begann, wie man sie einem Samstagabendspiel wünscht: mit offenem Visier. Schon in der 13. Minute klingelte es erstmals - Frank Keller, der sonst eher als Dauerläufer bekannt ist, traf nach feinem Zuspiel von Taylan Özalan zur frühen Führung für die Gastgeber. Trainer Giuseppe Spera sprang an der Seitenlinie auf, schrie "Endlich belohnen wir uns!" und klatschte mit dem halben Betreuerstab ab. Doch die Freude währte kurz. Nur elf Minuten später antwortete Bad Kleinen mit chirurgischer Präzision: Rechtsverteidiger Jannik Wimmer flankte butterweich auf Frank Thomas, der den Ball volley unter die Latte hämmerte - 1:1. Der Ausgleich war verdient, denn die Gäste hatten sich mit wachsender Frechheit in die Partie gebissen. "Da hab ich kurz überlegt, ob wir vielleicht mal verteidigen sollten", grummelte Urachs Kapitän Lars Schmidt nach dem Spiel mit einem müden Lächeln. Nach dem Pausentee dann der Doppelschlag, der die Fans von Bad Urach kurzzeitig verstummen ließ. In der 47. Minute traf Detlev Renner nach Vorarbeit von Marek Matusiak zum 1:2, nur eine Minute später legte Marwin Paul mit einem eiskalten Abschluss nach - 1:3. Der Gästeblock bebte, Trainer "Cw WC" (dessen Name allein schon Pressesprecher in den Wahnsinn treibt) ballte die Faust und rief seinen Spielern zu: "Jetzt Ruhe bewahren!" Doch das mit der Ruhe war so eine Sache - vor allem, weil Nael Segura da etwas dagegen hatte. Der 32-Jährige, Urachs Dauerbrenner auf der rechten Seite, übernahm Verantwortung, zog in der 55. Minute einfach mal ab - und traf. 2:3, das Stadion erwachte wieder. Zehn Minuten später war es erneut Segura, diesmal nach Vorlage des eingewechselten Alain Fouquet, der den Ball ins lange Eck schlenzte. 3:3, Ekstase auf den Rängen, Spera mit einem Urschrei, der wohl noch in der Innenstadt zu hören war. "Ich hab einfach gespürt, dass heute alles reingeht - oder eben fast alles", grinste Segura nach Abpfiff, während er sich von den Fans feiern ließ. Bad Kleinen wirkte danach angeschlagen, kam aber noch zu einigen guten Chancen. Youngster Felix Mayer, gerade erst eingewechselt, prüfte in der 77. Minute Urach-Keeper Jegor Schepelew - der mit einer Flugeinlage parierte, die selbst in einem Actionfilm nicht fehl am Platz gewesen wäre. Die Statistik nach 90 Minuten: 15 Torschüsse für Urach, 17 für Bad Kleinen, Ballbesitz fast ausgeglichen (50,6 zu 49,4 Prozent). Und doch hätte jede Minute den Ausschlag geben können. Dass es bei einem Remis blieb, lag auch an den Torhütern - und ein bisschen am Schicksal, das offenbar keine Lust auf Sieger hatte. Eine Gelbe Karte gab’s übrigens auch noch: FV-Verteidiger Christian Hafner sah sie kurz vor der Pause, nachdem er einen gegnerischen Konter rustikal unterband. "Das war kein Foul, das war ein Statement", kommentierte er später trocken. Nach dem Spiel standen beide Trainer nebeneinander in der Mixed Zone, fast wie alte Freunde. Spera grinste: "Wenn man sechs Tore sieht, kann man sich über Defensive nicht beschweren, oder?" - WC nickte und ergänzte: "Ich hätte trotzdem lieber 3:2 gewonnen. Aber gut, das war Werbung für den Fußball." Dass man in Bad Urach an diesem Abend Zeuge einer kleinen Fußball-Oper wurde, darin waren sich alle einig. Es war ein Spiel, das Emotionen weckte, das Herz und Humor hatte - und eines, das man vielleicht nicht vergessen, aber bestimmt noch oft erzählen wird. Oder, wie ein älterer Fan beim Hinausgehen seufzte: "Sechs Tore, kein Sieger - das ist wie ein Krimi ohne Täter. Aber spannend war’s allemal." Und Recht hatte er. 15.11.643996 05:08 |
Sprücheklopfer
Bei diesem Schiedsrichter hätte auch unser Busfahrer eine gelbe Karte bekommen.
Rainer Calmund