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3727 Zuschauer im Nordsee-Stadion erlebten am Samstagabend ein Fußballspiel, das eher an ein Geduldstraining als an ein Torfestival erinnerte - bis Noach Spoor in der 89. Minute beschloss, dem Abend doch noch Glanz zu verleihen. Mit seinem Treffer zum 1:0 sicherte der Mittelfeldmotor dem OSC Bremerhaven drei Punkte gegen Post Karlsruhe und sorgte für kollektives Aufatmen auf den Tribünen. Von Beginn an war klar: Das wird kein Spiel für Feinschmecker, sondern eines für Statistiker. 14 Torschüsse der Bremerhavener standen am Ende mageren zwei Versuchen der Gäste gegenüber - eine Statistik, die wie aus einem Handbuch für Einbahnstraßen-Fußball klang. Doch die Kugel wollte einfach nicht hineingehen. Schon in der 5. Minute prüfte Thomas Voigt Karlsruhes Torhüter Amaury Ibanez mit einem satten Flachschuss. "Ich dachte, der Ball sei schon drin", murmelte Voigt später, "aber der Keeper hat wohl Spinnenarme." Bremerhaven dominierte, kontrollierte 52,6 Prozent des Ballbesitzes, kombinierte gefällig - und ließ doch jede Menge liegen. Torsten Berglund versuchte es doppelt (17. und 23. Minute), Daniel Wichniarek scheiterte gleich dreimal, und selbst Außenverteidiger Carl de Freitas durfte in der 46. Minute sein Glück versuchen. Nur das Netz blieb unberührt. Karlsruhe dagegen beschränkte sich auf Schadensbegrenzung. Ihr erster halbwegs gefährlicher Versuch kam in der 43. Minute, als Kay Merz einen verzweifelten Schuss aus spitzem Winkel abfeuerte - der Ball segelte in die Arme von OSC-Keeper Hartmut Greiner, der sich dezent streckte, aber wohl auch im Anzug hätte parieren können. "Wir wollten kompakt stehen", erklärte Gästetrainer (dessen Name die Statistik leider verschluckte) nach der Partie. "Das hat 88 Minuten geklappt." Zur Pause stand es 0:0, und OSC-Coach Rafael Benitez, der sonst eher als Taktik-Tüftler gilt, schien auf der Bank leise zu brodeln. "Ich habe den Jungs gesagt: Irgendwann wird der Ball schon reingehen. Und wenn nicht, dann laufen wir halt bis Mitternacht", lachte er später. Nach dem Seitenwechsel brachte Benitez frische Beine. In der 53. Minute kam der 19-jährige Brandon Combe für den müden Joseph Marcel, kurz darauf ersetzte Youngster Aaron Corey den erfahrenen Berglund. Dass dieser Wechsel das Spiel belebte, war zwar nicht unmittelbar zu sehen, aber Corey sorgte mit frechen Antritten immerhin für ein paar "Ohs" auf den Rängen. In der 65. Minute holte sich Spoor zunächst eine Gelbe Karte ab - wohl aus lauter Langeweile, denn der Gegner hatte zu diesem Zeitpunkt kaum Ballbesitz. "Das war die eleganteste Grätsche meines Lebens", witzelte er später. Doch nur 24 Minuten später war der Mittelfeldmann der Mann des Abends: Nach einer Flanke von der rechten Seite, abgefangen von keinem Verteidiger, stand Spoor goldrichtig und drosch die Kugel aus zehn Metern in die Maschen. Das Stadion explodierte förmlich - ein spärlich gefülltes, aber lautstarkes Nordsee-Stadion, das plötzlich klang, als wären doppelt so viele Fans da. Auf der Bremerhavener Bank sprangen selbst die Auswechselspieler aufeinander. "Ich wusste, dass er irgendwann einen trifft", rief Benitez lachend in Richtung Spoor, der sich beim Jubel fast in der Kurve verlor. Karlsruhe versuchte noch einmal, Druck aufzubauen - doch mit zwei Torschüssen über die gesamte Partie wirkte das eher wie ein symbolischer Akt. OSC dagegen stellte um auf Defensive, das Pressing wurde in der Schlussphase energischer, die Aggressivität stieg - laut Statistik sogar von "Standard" auf "Strong". Wenn das keine Emotionen sind, was dann? Nach dem Abpfiff atmete Bremerhaven kollektiv durch. Es war kein glanzvoller Sieg, aber einer, der Charakter zeigte. "Solche Spiele machen Meister", meinte Kapitän Damiano Palladino, während er sich demonstrativ den Schweiß von der Stirn wischte. "Oder zumindest sorgen sie dafür, dass wir Montag gut gelaunt ins Training kommen." So endete ein Abend, an dem die Geduld endlich belohnt wurde. Noach Spoor avancierte vom Gelb-Sünder zum Helden, Rafael Benitez bewies einmal mehr sein Gespür für Timing - und Post Karlsruhe durfte sich immerhin rühmen, bis zur 89. Minute alles richtig gemacht zu haben. Fazit: Bremerhaven siegt verdient, aber spät. Die Zuschauer gingen zufrieden nach Hause, wenn auch mit leichtem Sonnenbrand vom Flutlicht. Oder, wie ein älterer Fan beim Hinausgehen murmelte: "War kein Leckerbissen - aber wenigstens kein Nullachtfünfzehn-Kick." Und recht hat er. 14.11.643996 20:53 |
Sprücheklopfer
Mir ist ein Felsen vom Körper gefallen.
Rainer Calmund