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Steuden ringt Forst nieder - Neun-Tore-Spektakel mit offenem Visier

Es war ein Abend, an dem selbst der Rasen kurz tief durchatmen musste. 21.636 Zuschauer im Steudener Stadion bekamen beim 5:4 (3:2)-Erfolg des SV Steuden gegen den SC Forst ein Fußballspiel serviert, das mehr an eine Achterbahnfahrt erinnerte als an taktisch geordneten Zweitligafußball. Coach Karli Konter grinste hinterher: "Ich hab irgendwann aufgehört mitzuschreiben. Nach dem vierten Tor wusste ich nicht mehr, ob wir führen oder schon wieder hinten liegen."

Von Anfang an war klar, dass beide Mannschaften vor allem eins im Sinn hatten: das gegnerische Tor. Schon in der zweiten Minute prüfte Forsts Linksaußen Manuel Alcantara den Steudener Keeper Vitorino Fernandes - der reagierte wach, als hätte er Espresso in den Handschuhen. Doch nur neun Minuten später schlug Steuden zurück: Julius Peters flankte von links, Dirk Schuster rauschte heran und versenkte den Ball zum 1:0. "Ich hab nur gehofft, dass er nicht drüber geht", keuchte Schuster später, "der Trainer hätte mich sonst zum Linienrichter umgeschult."

Forst ließ sich nicht beirren, kombinierte weiter frech nach vorn und kam durch den quirligen Robert Hiliard in der 26. Minute zum Ausgleich. Über die linke Seite kam der Ball von Afzelius, Hiliard nahm ihn mit der Brust und drosch ihn ins Eck - Fernandes hatte diesmal keine Chance. "Das war so ein typisches Hiliard-Tor", schnaubte Coach Groß, "laut, wild und irgendwie drin."

Doch der SV Steuden antwortete prompt. In der 36. Minute war es der junge Mittelstürmer Michael Link, der nach Vorlage von Peters das 2:1 erzielte - nur um eine Minute später zuzusehen, wie Forsts Alcantara den erneuten Ausgleich besorgte. Der Ball zappelte noch im Netz, da schüttelte Konter ungläubig den Kopf. "Würden wir so verteidigen, wenn’s um unser Mittagessen ginge, wären alle hungrig", knurrte er an der Seitenlinie.

Kurz vor der Pause dann wieder Link, diesmal ohne Assist, dafür mit Wucht: 3:2 für Steuden. Der Jubel war kaum verklungen, als es in der Kabine angeblich eine hitzige Diskussion gab. "Ich hab den Jungs gesagt, sie sollen mal versuchen, länger als fünf Minuten zu führen", erzählte Konter augenzwinkernd.

Nach Wiederanpfiff ging das Spektakel weiter. Schuster traf erneut (49.), diesmal nach feinem Zuspiel von Frederic Korn - 4:2. Doch Forst blieb gefährlich: John Clancy, der schon früh Gelb gesehen hatte, markierte in der 51. und 58. Minute zwei blitzsaubere Tore. Der 4:4-Ausgleich war verdient, auch weil Forst in dieser Phase das Spiel kontrollierte (insgesamt 52 Prozent Ballbesitz, 16 Torschüsse).

Als alles nach einem offenen Schlagabtausch roch, kam die 70. Minute: Der Finne Harri Uusimäki, bis dahin eher unauffällig, zog aus 20 Metern ab - der Ball flog wie ferngesteuert ins rechte obere Eck. 5:4. Dirk Schuster, der Vorlagengeber, grinste: "Ich wollte eigentlich flanken. Aber Harri hat eine Antenne für solche Zufälle."

Danach war alles drin: Forst drückte, Steuden konterte, beide wechselten wild. Forsts Hiliard musste nach einem harten Zweikampf verletzt runter, Ersatzmann Löffler kam - und fand sich sofort in der Offensive wieder. Doch der neue Steudener Keeper, der 19-jährige Julius Seiler, zeigte in seinem Debüt Nerven aus Stahl. Zwei glänzende Paraden in den Schlussminuten retteten den Sieg.

"Wir haben offensiv gespielt, defensiv gedacht - also gar nicht", resümierte Gästetrainer Groß mit einem müden Lächeln. "Aber wer will sich nach neun Toren beschweren?" Karli Konter sah’s ähnlich: "Das war kein Spiel für Statistiker, sondern für Geschichtenerzähler."

Und die Zahlen sprachen tatsächlich eine schräge Sprache: 10:16 Torschüsse, 47,8 Prozent Ballbesitz für Steuden, vier Gelbe Karten, ein verletzter Stürmer, und neun Tore, die jeder für sich einen eigenen Absatz wert wären.

Als die Flutlichter erloschen, standen die Fans noch immer an den Zäunen, redeten über Clancys Wucht, Links Kaltschnäuzigkeit und Uusimäkis Sonntagsschuss. Ein älterer Herr im Vereinswimpel murmelte: "So was erlebt man nicht oft. Und wenn doch, braucht man danach Urlaub."

Vielleicht hat er recht. Denn dieses 5:4 war kein gewöhnliches Zweitligaspiel. Es war ein turbulenter Beweis, dass Fußball manchmal einfach das schönste Chaos der Welt ist.

05.10.643993 22:12
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