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Ein lauer Aprilabend in Montevideo, 47.896 Zuschauer, der Rasen makellos, die Anzeigetafel neu gestrichen - und am Ende steht dort: 0:0. Wer dieses Ergebnis liest, könnte meinen, hier hätten sich zwei solide Abwehrreihen neutralisiert. Doch wer an diesem 21. Spieltag der 1. Liga Uruguay im Estadio Olímpico tatsächlich Zeuge dieses Fußballtheaters wurde, weiß: Sud America schoss, Cerrense betete. Und beide bekamen, was sie verdienten - einen Punkt und eine Geschichte zum Kopfschütteln. Schon nach vier Minuten brüllte das Stadion zum ersten Mal los, als Marcio Hermenegildo das Leder Richtung Tor drosch. Es war der Auftakt zu einem wahren Feuerwerk, das allerdings in etwa so viel Schaden anrichtete wie eine Wunderkerze im Regen. Drei Minuten später zog Joao Makukula nach, dann Jose Silva - und wieder war Cerrense-Keeper Thierry Benveniste der Mann, der alles festhielt, was ihm um die Ohren flog. "Ich hatte irgendwann das Gefühl, die schießen zur Übung", grinste Benveniste später. "Aber gut, für mich war’s eine gute Trainingseinheit." Trainer Wilhelm Reich, sonst nicht für seine Geduld bekannt, stand spätestens ab Minute 20 mit verschränkten Armen an der Seitenlinie und kaute sichtbar auf dem Gedanken herum, ob er seine Stürmer nach dem Spiel zum Schusstraining verpflichten sollte. "Ich hab ihnen gesagt, sie sollen das Tor treffen, nicht den Torwart. Vielleicht hab ich mich undeutlich ausgedrückt", murmelte er nach dem Abpfiff mit einem ironischen Grinsen. Cerrense, von Trainer Leahcim Gnipeur gewohnt rustikal eingestellt, verteidigte mit allem, was Beine hatte - und manchmal auch mit dem, was die Schiedsrichter nicht sahen. Rechtsverteidiger Ricardo Menendo kassierte in der 52. Minute Gelb, nachdem er Makukula am eigenen Strafraum "freundlich stoppte". Gnipeur kommentierte trocken: "Das war kein Foul, das war Physik." Seine Elf kam insgesamt auf fünf Torschüsse. Jeder davon war so überraschend, dass die eigenen Mitspieler kurz irritiert schauten, während Torwart Marcos Diez im Sud-America-Kasten vermutlich über die Steuererklärung nachdachte. Die Statistik sprach ein klares Urteil: 58 Prozent Ballbesitz, 21:5 Torschüsse, 55 Prozent gewonnene Zweikämpfe - Sud America dominierte, Cerrense überlebte. Aber Fußball ist bekanntlich nicht gerecht. Und wenn man die 87. Minute sah, als Makukula aus zwölf Metern freistehend den Ball über den Querbalken setzte, konnte man fast glauben, das Tor sei an diesem Abend schlicht verflucht gewesen. "Ich schwöre, der Ball hat kurz gezuckt", verteidigte sich Makukula später lachend. Zur Halbzeit wechselte Reich zweimal - Janos Desire kam für Demirel, Mateo Viana ersetzte den jungen Nuno Maniche. Das brachte zwar frischen Wind, aber keine Treffer. Auch Marco Yanez, in der 59. Minute für Hugo Nani eingewechselt, konnte keine entscheidende Lücke reißen. Stattdessen sammelte Hermenegildo in der 74. Minute noch eine Gelbe Karte ein - vermutlich aus Frust über die Unfähigkeit des Leders, den Weg ins Netz zu finden. Cerrense hingegen blieb seiner Linie treu: tief stehen, Räume eng machen, lange Bälle dreschen. Und wenn mal ein Angriff zustande kam, dann so unverhofft, dass selbst die eigene Bank kurz aufsprang. Ryan Skene prüfte in der 26. Minute Diez, Salvador Meira wenig später - das war’s dann auch. Gnipeur lobte seine Jungs trotzdem überschwänglich: "Wir wollten hier einen Punkt holen, und wir haben ihn geholt. Mission erfüllt." Das Publikum hingegen reagierte zwiespältig: Applaus für Einsatz, Pfiffe für das Ergebnis. Manch einer rief spöttisch: "Noch ein Schuss, vielleicht klappt’s ja in der Nachspielzeit!" - und tatsächlich, Sud America versuchte es bis zur letzten Sekunde. Aber Benveniste, Cerrenses Mann des Abends, pflückte in der 82. Minute noch einmal einen Schuss von Hermenegildo runter, als wollte er sagen: Nicht heute, mein Freund. So blieb es beim torlosen Remis, das Sud America wie eine Niederlage schmeckte und Cerrense wie ein Sieg. In der Pressekonferenz fasste Reich den Abend mit einer Mischung aus Sarkasmus und Resignation zusammen: "Wenn man 21 Mal aufs Tor schießt und nichts trifft, sollte man vielleicht Curling ausprobieren." Gnipeur konterte trocken: "Wir haben das gemacht, was man macht, wenn man nicht besser ist - man verhindert, dass der andere gewinnt." Und so ging ein Spiel zu Ende, das in keiner Highlight-Zusammenfassung fehlen wird - nicht, weil es Tore gab, sondern weil es zeigt, dass Leidenschaft, Frust und Humor manchmal näher beieinanderliegen als Ball und Netz. Vielleicht trifft Sud America ja beim nächsten Mal. An Material zum Üben mangelt es jedenfalls nicht. 18.09.643996 05:32 |
Sprücheklopfer
Das ist Schnee von morgen.
Jens Jeremies