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Es gibt diese Fußballabende, an denen man sich fragt, ob das Tor vielleicht beleidigt ist. 47.093 Zuschauer im ehrwürdigen Estadio Jardines sahen am Samstagabend ein 0:0 der ganz besonderen Sorte: Sud America gegen CD Cerrense, ein Spiel, das alles hatte - außer einem Tor. Dabei fing alles so verheißungsvoll an. Schon in der zweiten Minute donnerte Jaime Viana den Ball Richtung Gästetor, als wolle er den Rasen gleich mit umpflügen. "Ich dachte, der geht rein, ehrlich", murmelte der Stürmer später und schüttelte ungläubig den Kopf. Leider dachte das Tornetz wohl anders. Sud America spielte von Beginn an, als hätte Trainer Wilhelm Reich heimlich Espresso statt isotonischer Getränke ausgeschenkt. 22 Schüsse aufs Tor, fast 50 Prozent Ballbesitz - und eine Offensivreihe, die so hartnäckig anrannte wie ein Verkäufer im Sommerschlussverkauf. Xavi Derlei, Marcio Hermenegildo und natürlich Viana feuerten aus allen Lagen. Nur der Ball wollte einfach nicht begreifen, dass das Spielgerät in den Kasten gehört. "Wir haben es versucht, wirklich", seufzte Reich nach dem Abpfiff. "Aber manchmal ist Fußball wie ein schlechter Witz, bei dem keiner lacht." Dann grinste er und fügte hinzu: "Wenigstens hat keiner verloren." Auf der anderen Seite stand Cerrense-Trainer Leahcim Gnipeur, der mit verschränkten Armen und kühlem Blick das Abwehrbollwerk seines Teams beobachtete. Drei kümmerliche Torschüsse - aber jeder davon mit der Präzision eines Uhrwerks. "Wir wussten, dass Sud America früh Druck macht", erklärte Gnipeur. "Unser Plan war einfach: Überleben, auf Konter hoffen - und beten." Offenbar wurden die Gebete erhört. Die Partie wurde ruppiger, je länger sie dauerte. In der 59. Minute sah Juanito Nene nach einem zu enthusiastischen Einsteigen glatt Rot. "Ich habe nur den Ball gesehen", verteidigte sich der Mittelfeldstratege, während er mit gesenktem Kopf in die Kabine stapfte. Der Schiedsrichter hatte offenbar andere Augen. Trotz Unterzahl drehte Sud America nicht etwa zurück - im Gegenteil. "Da war plötzlich Feuer drin", sagte Verteidiger Mateo Viana später. "Wir wollten zeigen, dass wir auch zu zehnt gefährlich sind." Und das taten sie: Derlei prüfte Cerrenses jungen Keeper José Yago gleich mehrfach, Miguel Zapatero brachte frischen Schwung über rechts, und sogar Innenverteidiger Felipe Teixeira wagte sich in die Offensive. Doch Cerrense hielt stand, manchmal mit Geschick, manchmal mit Glück. In der 83. Minute musste der 23-jährige Verteidiger Xabier Sainz nach einem Zweikampf verletzt raus - ein Schreckmoment für die Gäste. Ersatzmann Arnau Sa Pint kam, zog sich die Kapitänsbinde über und brüllte seine Mitspieler an: "Kein Ball darf mehr durchkommen!" Er hielt Wort. Als der Schlusspfiff ertönte, atmeten beide Seiten durch. Die einen, weil sie nicht verloren hatten, die anderen, weil sie nicht gewonnen hatten. Das Publikum spendierte höflichen Applaus - wohlwissend, dass es einen dieser Abende erlebt hatte, an denen der Fußball zwar keine Tore, aber reichlich Geschichten produziert. Statistisch gesehen war Sud America klar überlegen: 22 Schüsse zu 3, 58 Prozent gewonnene Zweikämpfe, offensives Pressing bis zur letzten Sekunde. Doch Zahlen schießen keine Tore, wie Reich später trocken meinte: "Vielleicht sollten wir im Training mal das Zielen üben - oder eine Glücksfee verpflichten." Cerrense dagegen wird das 0:0 feiern wie einen Sieg. "Wir sind gekommen, um nicht unterzugehen", lachte Gnipeur. "Und wir schwimmen noch." Torhüter Yago wurde von seinen Mitspielern auf Händen vom Platz getragen - kein Wunder, nach dieser Parade-Orgie. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Fußball manchmal ein Geduldsspiel ist. Sud America wird sich fragen, wie man so viele Chancen ungenutzt lassen kann. Cerrense wird sich wundern, wie man mit so wenig Aufwand einen Punkt holt. Und die Fans? Die werden wohl noch lange sagen: "Wir waren dabei, beim 0:0 der 22 Torschüsse." Oder, wie ein älterer Herr im Publikum beim Hinausgehen murmelte: "Wenn das ein Boxkampf gewesen wäre, hätte Sud America nach Punkten gewonnen - aber im Fußball zählen halt nur Treffer." Und so verabschiedete sich ein lauer Maiabend ohne Sieger, aber mit reichlich Gesprächsstoff - ein Spiel, das zeigte, dass selbst ein torloses Remis manchmal lauter erzählt als ein 5:4. 03.06.644000 09:43 |
Sprücheklopfer
Mir ist ein Felsen vom Körper gefallen.
Rainer Calmund