// Startseite
| Ultimas Noticias |
| +++ Sportzeitung für Uruguay +++ |
|
|
|
Ein lauer Aprilabend in Montevideo, 49.238 Zuschauer im Estadio Jardines del Hipódromo - und sie bekamen mehr als nur ein Fußballspiel. Sie bekamen ein Drama in drei Akten, mit einem Innenverteidiger als Torschützen, einem Mittelfeldregisseur im Spätwerk und einem Trainer, der nach dem Abpfiff in den Katakomben leise "Das war nicht geplant" murmelte. Sud America besiegte UD Liverpool mit 3:1 (1:1) und schob sich mit dieser Mischung aus Leidenschaft und taktischer Disziplin in die Schlagzeilen des 6. Spieltags der 1. Liga Uruguay. Dabei begann alles so, als wollten die Gäste den Gastgebern zeigen, wie man Effizienz buchstabiert. In der 21. Minute stach Samuel Roades zu - ein schneller Konter über rechts, Vorarbeit von Asier Suarez, und plötzlich lag der Ball im Netz. Trainer Wilhelm Reich, sonst eher Freund der kontrollierten Offensive, raufte sich an der Seitenlinie den Bart. "Ich dachte, das sei nur ein Warnschuss", sagte er später. "Aber meine Jungs brauchen manchmal erst einen Gegentreffer, um wach zu werden." Und so kam es: Nur elf Minuten später donnerte Özer Demirel, eigentlich Innenverteidiger und sonst für rustikale Grätschen zuständig, den Ball nach einer Ecke in die Maschen. Der Pass kam vom 18-jährigen Desire Doue - ein Teenager, der aussah, als hätte er gerade seine Schulaufgaben abgegeben, bevor er auflief. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Doue, "aber Özer hat einfach geschrien: ’Lass mich!’ - also hab ich gelassen." 1:1, alles wieder offen, und die Fans witterten, dass da noch mehr geht. Nach der Pause entwickelte sich ein Spiel, das in keinem Lehrbuch für geordneten Fußball auftauchen wird. Sud America hatte etwas mehr vom Ball (52 Prozent), mehr Torschüsse (13:6) und - das war entscheidend - mehr Mut. Liverpool blieb offensiv, aber seltsam harmlos. Dorde Basa mühte sich redlich, Taylor McShane prüfte Torwart Marcos Diez in der 95. Minute noch einmal - aber da war längst alles entschieden. Denn in der 73. Minute schlug Nick Reinhardt zu, der rechte Mittelfeldspieler mit der Ruhe eines Schachmeisters. Nach Pass von Hugo Nani legte er sich den Ball zurecht, schaute kurz auf, sah den Torwart und dachte sich offenbar: "Warum nicht?" - 2:1. Das Stadion bebte, Wilhelm Reich taumelte einen Schritt zurück, als hätte ihn jemand mit kaltem Wasser übergossen. Liverpool versuchte es mit aller Kraft, blieb aber in seiner eigenen Offensivordnung stecken. Trainer der Gäste - der Name blieb an diesem Abend ebenso blass wie seine Mannschaft - stand stoisch an der Linie, die Hände in den Taschen, die Stirn in Falten. "Wir haben gut gespielt", sagte er nachher, "nur leider ohne Tore." Und dann kam die Nachspielzeit. 93. Minute, Sud America spielte längst auf Zeit, als Joao Makukula auf der linken Seite noch einmal durchstartete. Seine Flanke fand - wer sonst - Nick Reinhardt, der sich mit einem trockenen Schuss zum Doppelpack krönte. 3:1, Endstand, Stadion im Ausnahmezustand. "Ich hab’s nicht geplant, ehrlich", lachte Reinhardt im Kabinengang, während er sich mit Eisspray behandeln ließ. "Eigentlich wollte ich nur Zeit von der Uhr nehmen. Aber wenn der Ball so schön liegt ..." Weniger schön war das für Diego Miguel, der Rechtsverteidiger kassierte in der 62. Minute Gelb und verletzte sich später (93.) unglücklich. "Nur eine Zerrung", gab er Entwarnung, "aber ich schwöre, der Rasen hat mich angegriffen." Statistisch betrachtet war Sud Americas Sieg verdient: mehr Ballbesitz, mehr Schüsse, mehr Biss. 54 Prozent Zweikampfquote unterstreichen, dass Reichs Mannschaft nicht nur Fußball spielte, sondern auch kämpfte. Der Coach fasste es gewohnt trocken zusammen: "Wir haben das Spiel gewonnen, weil wir mehr Tore geschossen haben. So einfach ist das manchmal." Die Fans sahen das etwas emotionaler. Auf den Rängen sang man noch Minuten nach dem Abpfiff, Kinder trugen improvisierte Reinhardt-Trikots, und irgendwo in der Ferne klang ein hupendes Auto wie eine improvisierte Fanfare. UD Liverpool hingegen muss sich fragen, warum die Offensive nach dem frühen Treffer so zahnlos blieb. Vielleicht lag es an der fehlenden Konsequenz, vielleicht am fehlenden Pressing - oder einfach daran, dass Sud America an diesem Abend schlicht mehr Lust hatte. Zum Abschluss fragte ein Reporter Wilhelm Reich, ob er nun vom Titel träume. Reich grinste schief: "Ich träume lieber vom nächsten Training. Da kann ich wenigstens selbst bestimmen, wann’s losgeht." Ein Satz, so trocken wie der Platz nach 90 Minuten Sonne - und sinnbildlich für einen Abend, an dem Sud America zeigte, dass Taktik schön ist, Tore aber schöner sind. 19.05.643997 10:47 |
Sprücheklopfer
Wenn mein Vater da gewesen wäre, hätte sich mein Leben vollkommen anders entwickelt. Viel zielgerichteter. Dann wäre meine Mutter zu Hause gewesen. Ich hätte vernünftig für die Schule gearbeitet, einen normalen Beruf erlernt und wäre nicht in den Fußball abgedriftet.
Felix Magath