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Manchmal schreibt der Fußball Geschichten, bei denen selbst Drehbuchautoren den Stift fallen lassen würden. Der SV Beuel hat am Mittwochabend in der Conference League nicht nur ein Spiel gewonnen, sondern eine kleine Legende geschrieben. 3:2 hieß es am Ende vor 47.700 begeisterten Zuschauern gegen CFR Targu-Mures - und das nach einem 0:2-Rückstand zur Pause. Dabei begann der Abend so, wie man ihn in Beuel eigentlich nicht haben will: mit einem Schock. Schon in der 5. Minute zirkelte der junge Rumäne Max Boyle, gerade mal 22 Jahre alt, den Ball nach Vorarbeit von Emil Filipescu ins Netz. "Ich hatte gerade noch überlegt, ob ich meinen Kaffee austrinke oder nicht, da stand’s schon 0:1", flachste ein Fan auf der Tribüne. Und Beuel-Trainer Rene Kuhl? Der starrte stumm auf seine Taktiktafel - die sah nach fünf Minuten schon so zerknüllt aus wie eine alte Einkaufsliste. Doch es kam noch dicker. In der 33. Minute erhöhte Cornel Gansl, nach schöner Kombination über Hugo Alves, auf 2:0 für die Gäste. Die Beueler-Abwehr war da kurz in den Osterferien, obwohl es erst April war. "In der ersten Hälfte haben wir uns benommen wie Statisten in unserem eigenen Stadion", sagte Kapitän Michel Herrero später mit einem bitteren Lächeln. Zur Halbzeit war die Stimmung im Stadion frostiger als der rumänische Winter. Rene Kuhl soll in der Kabine allerdings nicht laut geworden sein. "Ich hab ihnen nur gesagt: Wenn ihr glaubt, das hier ist vorbei, dann bestellt euch schon mal den Rückflug. Sonst geht da noch was", grinste er nach dem Spiel. Und wie da was ging. In der 59. Minute zündete Linksverteidiger Torsten Behrens die Aufholrakete. Nach einem Pass von Herrero hämmerte er den Ball aus 20 Metern unter die Latte - ein Tor, das man nicht schießt, sondern komponiert. "Ich hab einfach draufgehalten. Wenn du hinten liegst, darfst du nicht nachdenken", meinte Behrens, der sonst eher für Grätschen bekannt ist als für Kunstwerke. CFR Targu-Mures, bis dahin mit leichtem Ballbesitzvorteil (52 Prozent), begann zu wackeln. Trainer Gutz Gutz - ja, der heißt wirklich so - versuchte mit Wechseln gegenzusteuern, brachte unter anderem den 36-jährigen Keeper-Veteranen Sergio Manu. Doch das half wenig. Beuel roch Blut, und Joonas Kallio, der finnische Wirbelwind auf der linken Seite, traf in der 78. Minute nach Vorlage von Elof Anderson zum 2:2. Das Stadion explodierte. "Ich hab meinen Schienbeinschoner nicht mehr gespürt, aber das war egal", grinste Kallio später. Und dann kam die 83. Minute. Jorge Quaresma, der Mann mit dem Künstlernamen und dem Schuss wie ein Vorschlaghammer, schoss den SV Beuel endgültig in den Fußballhimmel. Nach feiner Vorarbeit von Jürgen Michels drosch er das Leder zum 3:2 ins Netz. Die Zuschauer sangen, die Ersatzbank tanzte, selbst die Ordner klatschten sich ab. CFR versuchte in der Schlussphase noch einmal alles, doch Beuel verteidigte mit Herz, Humor und - laut Trainer Kuhl - "einer Portion purer Verzweiflung". Torwart Jay Reid parierte in der 90. Minute spektakulär, während Beuel nun sogar Pressing über den ganzen Platz spielte, als wäre es das Finale der Champions League. Am Ende standen 16 Torschüsse für Beuel, nur 8 für Targu-Mures - Zahlen, die den Spielverlauf der zweiten Halbzeit perfekt erzählen. Die Gäste holten sich noch zwei Gelbe Karten ab, während Beueler Rechtsaußen Jorge Albacar kurz vor Schluss ebenfalls verwarnt wurde. "Wir haben heute gezeigt, dass Fußball manchmal keine Mathematik ist", sagte Kuhl nach dem Spiel. "In der ersten Hälfte haben wir uns verrechnet, in der zweiten haben wir’s mit Leidenschaft korrigiert." Sein Gegenüber Gutz Gutz wirkte dagegen ratlos: "Ich dachte, wir haben das im Griff. Aber Beuel hat einfach nicht aufgehört, an sich zu glauben. Und meine Jungs… na ja, die haben irgendwann aufgehört, an den Ball zu glauben." Ein Spiel, das alles hatte: Drama, Tempo, Emotionen - und eine Moral, die man eigentlich auf jede Kabinentür schreiben sollte: Es ist erst vorbei, wenn Beuel sagt, dass es vorbei ist. Und so verließen 47.700 Menschen das Stadion mit einem breiten Grinsen - und einer Stimme weniger. Ein Fan fasste es beim Hinausgehen treffend zusammen: "Erst Herzinfarkt, dann Heiligenschein. Typisch Beuel." Na dann, gute Besserung an alle Nerven - bis zum nächsten Fußballwunder am Rhein. 22.07.643996 01:15 |
Sprücheklopfer
Das Chancenplus war ausgeglichen.
Lothar Matthäus