// Startseite
| Sport-Blick |
| +++ Sportzeitung für Schweiz +++ |
|
|
|
Die 10.372 Zuschauer im Stade de Genève hatten sich auf einen lauen Frühsommerabend mit gepflegtem Drittligafußball eingestellt - und bekamen stattdessen eine Lehrstunde in Sachen Effizienz, Spielfreude und, ja, auch ein bisschen Demütigung. Der SV Höngg fegte den SC Servette mit 4:0 vom Platz und zeigte dabei, dass man auch ohne Glamour und große Namen eine ganze Stadt verstummen lassen kann. Von Beginn an war klar, wer hier Herr im Haus war - und es war nicht der Hausherr. Schon nach drei Minuten prüfte Detlev Carrière den Servette-Keeper mit einem satten Schuss, der erste Warnschuss eines langen Abends für die Genfer Defensive. "Wir wollten früh zeigen, dass wir da sind", grinste Carrière später und hätte hinzufügen können: Und wir sind geblieben. In der 13. Minute war es dann soweit: Filippo Campana, der unermüdliche Taktgeber im Höngger Mittelfeld, zog nach feinem Zuspiel eben jenes Carrière aus 18 Metern ab - unhaltbar zum 0:1. Ein Tor wie aus dem Lehrbuch, nur dass Servette offenbar die falsche Ausgabe gelesen hatte. Trainer Adrian Ursea stapfte an der Seitenlinie nervös auf und ab, während seine jungen Spieler noch versuchten zu begreifen, was da gerade passiert war. Die Genfer zeigten daraufhin zumindest Ansätze von Gegenwehr: Brandon Densham und Marcel Linke prüften den Höngger Torwart Nael Galvão, der aber alles hielt, was kam - und das war, ehrlich gesagt, nicht allzu viel. Servette hatte am Ende neun Torschüsse, doch keiner fand den Weg ins Netz. "Wenn du vorne keinen triffst und hinten alles durchlässt, dann wird’s halt schwierig", meinte Ursea nach dem Spiel trocken. Nach der Pause kam dann der Doppelschlag, der das Spiel endgültig entschied. In der 55. Minute erhöhte Humberto Agirre auf 0:2, wieder nach Vorlage von Carrière, der an diesem Abend überall zu sein schien. Kaum hatten die Servette-Fans ihre Wurst wieder in der Hand, klingelte es erneut: Yuval Burg traf in der 62. Minute, diesmal nach feinem Zuspiel von Samuel Wiltshire. 0:3 - und das Stadion wurde schlagartig stiller. Servette wechselte eifrig: Torwart raus, Torwart rein, Flügelspieler raus, Flügelspieler rein - doch egal, wer kam, der Ball blieb ein Fremdkörper. In der 77. Minute setzte Agirre mit seinem zweiten Treffer den Schlusspunkt, nach einer butterweichen Vorlage von Burg. Es war der Moment, in dem selbst der Schiedsrichter kurz Mitleid zu haben schien und ein paar Sekunden länger auf den Anstoßpfiff wartete - vielleicht, um Servette etwas Zeit zum Durchatmen zu geben. Hönggs Trainer - der an diesem Abend die Rolle des bescheidenen Dirigenten spielte - erklärte nach dem Spiel: "Das war eine geschlossene Mannschaftsleistung. Wir hatten einen Plan - und Servette leider nicht." Ein Satz, der treffender kaum sein könnte. Denn während Höngg 22 Torschüsse abgab, wirkte die Genfer Offensivabteilung wie ein Orchester ohne Dirigenten: viel Bewegung, wenig Musik. Einziger kleiner Schönheitsfehler aus Sicht der Gäste: In der Nachspielzeit sah Joel Kuehn noch Gelb, nachdem er offenbar vergessen hatte, dass man beim Stand von 4:0 nicht mehr jeden Zweikampf führen muss, als hinge das Schicksal Europas davon ab. "Ich hab’s einfach übertrieben", gab Kuehn später zu und lachte. Im Publikum fasste ein älterer Herr in Servette-Schal das Geschehen treffend zusammen: "Früher hat man hier Fußball gespielt. Heute wird man hier überrollt." Mit 56 Prozent Ballbesitz und einer Zweikampfquote über 53 Prozent untermauerte der SV Höngg auch statistisch seine Überlegenheit. Die Genfer dagegen wirkten in jeder Kategorie eine Nummer zu klein - außer vielleicht beim Durchhaltevermögen. Ob das 0:4 nun ein Ausrutscher oder ein böses Omen für Servette ist, wird sich zeigen. Trainer Ursea versprach: "Wir werden aus diesem Spiel lernen." Auf Nachfrage, was genau, antwortete er nach kurzem Zögern: "Wahrscheinlich: wie man das nächste Mal pünktlich aufwacht." Und so verließen die Höngger den Platz mit breiten Grinsen, während die Genfer Spieler in die Kabine schlichen, als hätten sie gerade die mündliche Matheprüfung verpatzt. Für Höngg war es ein Abend zum Feiern - für Servette ein Abend zum Vergessen. Oder, wie Carrière beim Verlassen des Stadions sagte: "Manchmal läuft’s einfach. Und manchmal läuft’s eben nur für uns." Ein Fazit, das man sich in Genf wohl an die Kabinentür nageln wird - direkt unter das Schild, das an den nächsten Gegner erinnert. 23.11.644002 08:39 |
Sprücheklopfer
Hitlers Tagebuch. Das hat mich dann doch interessiert.
Stefan Effenberg auf die Frage, welches Werk der Weltliteratur ihn besonders geprägt habe