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Es war einer dieser Abende in Tirat Carmel, an denen man den Eindruck hatte, das Stadion selbst würde mitschreien. 45.405 Zuschauer sahen ein hitziges Duell zwischen Tirat Carmel FC und den Jerusalem Yellows - ein Spiel, das mit 2:1 (1:1) endete, aber locker auch 4:4 hätte ausgehen können, wenn die Torhüter nicht beide beschlossen hätten, einen Glanztag einzulegen. Schon in der siebten Minute bebte die Arena: Rasmus Clausen, sonst eher bekannt für seine präzisen Flanken als für wuchtige Abschlüsse, zog aus gut 18 Metern einfach mal ab. Der Ball wurde leicht abgefälscht und segelte unhaltbar für Eyal Bischara ins rechte obere Eck. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Clausen nach dem Spiel, "aber der Ball hatte offenbar andere Pläne." Trainerin Babsi Klemm klopfte ihm in der Coachingzone auf die Schulter - halb stolz, halb erleichtert, dass ihr offensives Konzept früh Früchte trug. Doch die Freude währte kaum sechs Minuten. Jerusalems junger Rechtsaußen Shulamit Beilin - gerade einmal 21 - nutzte in der 13. Minute einen Moment der Unordnung in der Carmel-Defensive. Nach feinem Zuspiel von Fritz Naphtali schlenzte sie den Ball ins lange Eck. "Ich habe einfach gemacht, was der Trainer gesagt hat: nicht nachdenken", verriet Beilin danach und lachte. Danach entwickelte sich ein offener Schlagabtausch. Die Gastgeber feuerten aus allen Lagen (am Ende 19 Torschüsse), während die Yellows mit 54 Prozent Ballbesitz das Spiel ruhig aufbauten. Doch Tirats Verteidigung, angeführt vom kompromisslosen Leandro Djalo, der sich schon in der ersten Minute Gelb abholte, hielt die Angriffe meist vom eigenen Strafraum fern - notfalls mit rustikalen Mitteln. Klemm kommentierte trocken: "Wir hatten uns viel vorgenommen. Vielleicht zu viel für das Regelwerk." Die erste Halbzeit endete mit einer kuriosen Szene: Kacper Wojciechowski, Linksverteidiger mit Offensivdrang, prügelte in der Nachspielzeit einen Ball so weit übers Tor, dass der Linienrichter kurz überlegte, ob er dafür auch Gelb zeigen dürfe. Stattdessen wurde er zur Pause ausgewechselt - "vorsorglich", wie Klemm später erklärte. In der zweiten Halbzeit übernahmen die Yellows zunehmend die Kontrolle. Naphtali zog die Fäden im Mittelfeld, während Pinchas Ajalon und Gabriel Florit mehrere gefährliche Abschlüsse verzeichneten. Doch Tirats Torhüter Georg Danielsen hatte offenbar beschlossen, sich für die nächste Saison in die Nationalmannschaft zu spielen: Mit Katzenreflexen und einer bemerkenswerten Ruhe hielt er seine Mannschaft im Spiel. "Ich mag es, wenn sie auf mich schießen", meinte Danielsen mit nordischer Gelassenheit. Dann kam die 72. Minute - und der Moment, in dem Tirat Carmel kurzzeitig den Atem anhielt: Innenverteidiger Eugenio Conte sah Rot nach einem übermotivierten Einsteigen gegen Florit. Der Schiedsrichter zückte die Karte ohne Zögern, Conte stapfte kopfschüttelnd vom Platz. "Er hat den Ball getroffen", verteidigte ihn Kapitän Clausen später - "nur leider danach auch ungefähr alles andere." Mit einem Mann weniger und dem Druck der Yellows im Rücken schien das Spiel zu kippen. Doch dann wechselte Klemm klug: Ansgar Henriksson kam ins Mittelfeld, brachte Ruhe - und in der 86. Minute spielte er den Pass des Abends. Ein präziser Ball in die Schnittstelle, Isidoro Oliveira startete perfekt, blieb cool und schob zum 2:1 ein. Die Tribüne explodierte. "Ich habe nur auf mein Herz gehört", sagte Oliveira später mit einem Augenzwinkern. "Das sagte: Jetzt oder nie." In den letzten Minuten warfen die Yellows alles nach vorn, aber Tirat Carmel verteidigte mit dem Mut der Verzweiflung. Frans Dahl setzte in der Nachspielzeit noch einen wuchtigen Konterabschluss über die Latte - ein symbolischer Schlusspunkt für ein Spiel, das an Dramatik kaum zu überbieten war. Am Ende jubelte Babsi Klemm ausgelassen auf dem Rasen, während ihr Kollege auf der Gegenseite ratlos in die Nacht blickte. "Wir haben gut gespielt, aber Fußball ist eben kein Schönheitswettbewerb", murmelte ein enttäuschter Jerusalem-Coach in die Mikrofone. Tirat Carmel gewinnt 2:1, trotz weniger Ballbesitz, trotz roter Karte, trotz Nervenflattern. Oder vielleicht gerade deswegen. Und irgendwo auf der Pressetribüne notierte ein Kollege trocken: "Manchmal ist Fußball einfach schöner, wenn er wehtut." 06.04.644000 10:38 |
Sprücheklopfer
Wenn man mir die Freude am Fußball nimmt, hört der Spaß bei mir auf!
Thomas Häßler in seiner Dortmunder Zeit