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Es gibt Fußballabende, die brennen sich in die Seele eines Vereins ein - und dieser Dienstag in Kiryat Shmona gehört sicher dazu. 36.000 Zuschauer sahen, wie ihre Mannschaft eine 2:0-Pausenführung gegen Tirat Carmel FC verspielte und am Ende mit hängenden Köpfen und einem 2:3 vom Platz schlich. Es war ein Spiel, das alles hatte: jugendliche Unbekümmertheit, heldenhaften Trotz - und einen späten Dolchstoß, der selbst abgebrühte Fans verstummen ließ. Kiryat Shmona begann furios. Trainer Holger Thonke hatte seine Elf klar offensiv ausgerichtet, und seine Youngster dankten es ihm mit mutigem Spiel. Der 20-jährige Jorge de Freitas zog im Mittelfeld die Fäden, als hätte er das Stadion gemietet. In der 40. Minute steckte er einen Traumpass in die Gasse, Finn Sonne sprintete los, blieb eiskalt und schob zum 1:0 ein. Nur vier Minuten später wieder de Freitas, diesmal auf Ramon Guillen - und der traf trocken ins rechte Eck zum 2:0. "In der Kabine haben wir uns schon überlegt, wie hoch das noch ausgeht", gab Guillen später mit einem bitteren Lächeln zu. Zur Pause roch alles nach einem klaren Heimsieg. Tirat Carmel, bis dahin offensiv bemüht, aber glücklos, schien geschlagen. Doch wer die Gäste kennt, weiß: Sie sind wie dieser eine Freund auf Partys, der einfach nicht geht. Trainerin Babsi Klemm - gewohnt sachlich und sarkastisch - erzählte später: "Ich habe den Jungs gesagt: Wenn wir schon verlieren, dann wenigstens mit Stil. Und vielleicht haben sie das mit Stil zu wörtlich genommen." Denn kaum war die zweite Halbzeit angepfiffen, schlug Tirat Carmel zurück. In der 47. Minute drückte Isidoro Oliveira, der bullige Mittelstürmer, nach einem Abpraller den Ball über die Linie. Plötzlich wackelte Kiryat Shmona. Die Gastgeber hatten zwar mit 52 Prozent leicht mehr Ballbesitz, wirkten aber, als hätte man ihnen den Stecker gezogen. Frans Dahl, der bis dahin unauffällige Linksaußen, drehte dann richtig auf. Nach mehreren wuchtigen Abschlüssen war es in der 74. Minute so weit: Adriano Figo, der linke Verteidiger mit dem Namen eines Künstlers, flankte butterweich, Dahl sprang höher als alle anderen - 2:2. Der Gästeblock tobte, während Holger Thonke an der Seitenlinie mit verschränkten Armen in die Nacht starrte. "Ich hab’ schon gedacht, das war’s", sagte er später, "aber dann kam ja leider noch diese Nachspielzeit." In der Tat. Die Minuten verrannen, Kiryat Shmona drückte mit aller Macht, de Freitas prüfte Keeper Georg Danielsen in der 91. Minute mit einem gefährlichen Distanzschuss. Der Torwart kratzte den Ball aus dem Winkel - und leitete Sekunden später die Szene ein, die das Spiel entschied. Über Figo, wieder Figo!, lief der Ball die linke Seite hinunter, ein schneller Pass in den Strafraum - und Joel Cantwell, Tirats Rechtsaußen, drosch das Leder in der 92. Minute unter die Latte. 2:3. Ein Schlag in die Magengrube. Cantwell riss die Arme hoch, Dahl fiel ihm um den Hals, und irgendwo auf der Trainerbank grinste Babsi Klemm breit. "Ich wusste, dass Joel irgendwann trifft", sagte sie später, "ich hab’s nur nicht erwartet, dass es so spät wird - mein Puls war schon in der Verlängerung." Thonke hingegen verschwand rasch in der Kabine, während seine Spieler ratlos auf den Rasen starrten. "Wir haben aufgehört zu spielen", murmelte Finn Sonne in der Mixed Zone. Jorge de Freitas schüttelte nur den Kopf: "Vielleicht waren wir zu sicher. Fußball bestraft das gnadenlos." Die Statistiken zeigten ein Spiel auf Augenhöhe - zehn Torschüsse auf beiden Seiten, fast ausgeglichener Ballbesitz, aber Tirat Carmel hatte das eine, das Kiryat Shmona fehlte: Kaltschnäuzigkeit. Als das Flutlicht langsam erlosch, blieb die Erkenntnis: Wer 2:0 führt und verliert, hat keine Ausreden. Und wer in der 92. Minute trifft, darf auch ein bisschen an Wunder glauben. Oder wie Trainerin Klemm es zusammenfasste, während sie mit ihrem Team in Richtung Bus schlenderte: "Manchmal gewinnt nicht der, der besser ist - sondern der, der länger daran glaubt." Und an diesem Abend glaubte Tirat Carmel FC einfach ein paar Minuten länger. 18.04.644000 00:02 |
Sprücheklopfer
Wer in Bochum von Strafraum zu Strafraum geht und sich dabei nicht den Knöchel bricht, dem gebe ich einen aus.
Christoph Daum