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Die Abendluft über dem Acre-Stadion war mild, das Flutlicht blendend, die Stimmung bei 27.000 Zuschauern erwartungsvoll - und am Ende saßen die Fans der Acre Seagulls kopfschüttelnd auf ihren Sitzen. 0:6. Sechs! Tore! Gegen sich. Ein Ergebnis, das selbst die optimistischsten Heimfans nur mit Galgenhumor ertragen konnten. Tirat Carmel FC, trainiert von der umtriebigen Babsi Klemm, kam mit der eleganten Rücksichtslosigkeit eines Teams, das nicht an einem ordentlichen Sonntagsspaziergang interessiert war. Schon in der fünften Minute klingelte es im Kasten der Seagulls: Claude Gaudin vollstreckte eiskalt nach Flanke von Bram Sleeper. Der Franzose grinste später: "Ich dachte, der Ball sei zu früh gekommen - aber dann dachte ich: Ach was, probier’s halt." Es war der Beginn eines Abends, der für die Gäste so mühelos lief wie ein Trainingsspiel auf halber Geschwindigkeit. Nur sechs Minuten später erhöhte Frans Dahl, bedient von Ethan Marley, auf 0:2 (11.). Marley revanchierte sich dann seinerseits in der 28. Minute mit einem sehenswerten Distanzschuss - wieder nach Vorarbeit von Sleeper. Der Halbzeitstand: 0:3. Die Seagulls hatten zwar 54 Prozent Ballbesitz, aber das war ungefähr so hilfreich wie ein Regenschirm in der Wüste. "Wir wollten ruhig aufbauen, aber irgendwie haben die anderen ständig den Ball ins Tor geschossen", murmelte ein sichtlich zerknirschter Fritz Sahar nach dem Spiel. Trainer der Seagulls - der Name blieb der Presse fern, vermutlich aus Selbstschutz - brüllte in der Pause, so erzählten Spieler später, Sätze wie: "Wir sind keine Möwen, wir sind Adler!" Leider schien die Mannschaft das ornithologisch wie sportlich misszuverstehen. Denn auch nach der Pause änderte sich wenig. Tirat Carmel blieb offensiv, lauffreudig und - man darf es so sagen - gnadenlos. Joel Cantwell traf in der 70. Minute nach einer butterweichen Hereingabe von Rechtsverteidiger Jelle Brill. Nur vier Minuten später köpfte Innenverteidiger Leandro Djalo nach einer Ecke das 0:5. Wieder hatte Bram Sleeper seine Füße im Spiel - der Mann war an drei Treffern beteiligt, bevor er in der Nachspielzeit mit Gelb-Rot vom Platz flog. "Ich wollte nur den Ball holen", verteidigte sich Sleeper schmunzelnd, "aber der Schiri wollte wohl keinen Souvenirjäger auf dem Platz." Den Schlusspunkt setzte erneut Claude Gaudin in der 86. Minute - sein zweites Tor, dieses Mal ohne jede Gegenwehr. Die Abwehr der Seagulls wirkte da eher wie eine höfliche Begrüßungskommission. Torwart Schaul Ehrlich, der trotz sechs Gegentoren zu den Besseren seines Teams zählte, hob nach dem Abpfiff entschuldigend die Hände: "Ich hab versucht, alle zu halten - aber irgendwann ging mir die Munition aus." Statistisch betrachtet war es ein kurioses Spiel: Acre hatte mehr Ballbesitz, Tirat Carmel fast fünfmal so viele Torschüsse (19 zu 4). Das Tackling-Verhältnis sprach mit 57 zu 43 Prozent ebenfalls klar für die Gäste. Und während die Seagulls brav im "Balanced"-Modus dahinspielten, war bei Klemm und Co. alles auf Angriff eingestellt - Flügelspiel, Biss, Risiko. Das Ergebnis gibt ihr recht. Babsi Klemm, die Trainerin, ließ sich nach dem Spiel feiern, blieb aber gewohnt trocken: "Ich mag keine halben Sachen. Wenn wir schon nach Acre fahren, dann holen wir auch alles." Und dann grinste sie, als sie hörte, dass ihr Team trotz des Kantersiegs vier Gelbe und eine Gelb-Rote kassiert hatte. "Na ja, ein bisschen Würze gehört dazu." Während Tirat Carmel FC jubelnd in die Kabine verschwand, schlichen die Seagulls vom Platz. Ein kleiner Junge auf der Tribüne fragte seinen Vater: "Papa, warum heißen sie eigentlich Seagulls?" Der Vater seufzte: "Weil sie heute wieder viel geflogen sind - nur leider nicht nach vorne." Ein bitterer Abend für Acre, ein glanzvoller für Tirat Carmel. Sechs Tore, fünf Torschützen, eine klare Machtdemonstration. Und irgendwo in der Nacht, als das Stadion leer war, soll man noch ein vereinzeltes "Meeep" gehört haben - vielleicht das letzte Aufbäumen einer Seemöwe, die sich fragt, was da eigentlich über sie hinweggefegt ist. 25.02.643997 12:55 |
Sprücheklopfer
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