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Was für ein Abend im Estadio Municipal de Colón! 32.122 Zuschauer erlebten am 27. Spieltag der 1. Liga Uruguay ein Spektakel, das eher an einen Sommer-Kick im Park erinnerte als an professionelle Defensivarbeit: AD Colón und CD Cerrense trennten sich 4:6 - ja, Sie lesen richtig. Zehn Tore, ein Platzverweis, eine Verletzung, gelbe Karten zuhauf - und das alles an einem Sonntagabend, der eigentlich ruhig beginnen sollte. Colón begann munter, hatte mehr Ballbesitz (54 Prozent) und schien in der ersten halben Stunde Herr im Haus zu sein. In der 23. Minute klingelte es das erste Mal - Joaquín Tonel, der junge Flügelflitzer, traf nach Vorarbeit von Radek Kozel zum 1:0. "Ich hab einfach draufgehalten, ehrlich gesagt mit geschlossenen Augen", grinste Tonel später. Doch Cerrense hatte nicht vor, die Statistenrolle zu übernehmen. Nur drei Minuten später antwortete Nael Marques, nach Vorarbeit des quirligen Ruben Benitez, mit dem Ausgleich. Das Spiel nahm Fahrt auf - und zwar in beide Richtungen. Ryan Skene brachte Cerrense in der 37. Minute nach einer butterweichen Flanke des 18-jährigen Linksverteidigers Pol Longas 2:1 in Front. Doch Colón konterte postwendend: Nur eine Minute später traf Gabri Caneira aus der Distanz zum 2:2. "Ich hab gesehen, dass der Torwart einen Schritt nach links macht - da dachte ich: Na gut, schieß ich halt nach rechts", erklärte Caneira trocken. Und als Samuel Prinsloo kurz vor der Pause nach einer Ecke von Ferron das 3:2 markierte, bebte das Stadion. Zur Halbzeit führte Colón, die Fans sangen, und Trainer Gnipeur von Cerrense kaute nervös an seinem Klemmbrett. Was auch immer er in der Kabine gesagt hat - es wirkte. Cerrense kam wie verwandelt aus der Pause. Pol Longas, eben noch gelbverwarnt und kaum älter als ein Fahranfänger, drosch den Ball in der 50. Minute zum 3:3 unter die Latte. "Ich wollte eigentlich flanken", gab er später verschmitzt zu. Danach überrollte Cerrense den Gastgeber: Marques traf erneut in der 59. Minute, Gerd Vilhelmsen legte in der 68. nach, und nur drei Minuten später schnürte Marques seinen Hattrick - 3:6! Colón taumelte. Trainer von Colón - nennen wir ihn der Einfachheit halber "der ratlose Mann an der Seitenlinie" - reagierte: In der 60. Minute musste der angeschlagene Prinsloo raus, Phillip Baumann kam. Doch das half wenig. Die Defensive blieb offen wie ein Scheunentor, und selbst der erfahrene Keeper Inigo Nene konnte einem leidtun. "Ich hatte das Gefühl, sie schießen aus allen Richtungen", gestand er nach Abpfiff. In der 89. Minute sah Cerrenses junger Held Longas noch Gelb-Rot - offenbar hatte er beschlossen, das Drama mit einem persönlichen Abgang zu krönen. "Er war jung, er wollte alles", sagte Trainer Leahcim Gnipeur lakonisch. Den Schlusspunkt setzte Colóns Routinier Kozel in der Nachspielzeit (92.) mit dem 4:6 - ein Trostpflaster, das immerhin die Statistik etwas freundlicher aussehen ließ. Die nackten Zahlen bestätigen das wilde Geschehen: 17 Torschüsse für Cerrense, 11 für Colón, dazu acht verschiedene Torschützen und Assistenten, verteilt über das ganze Feld. Cerrense spielte von Beginn an offensiv, Colón blieb taktisch "balanciert" - zumindest laut der Statistik. Auf dem Platz sah das eher nach "alle nach vorne, irgendwer bleibt hinten" aus. Nach dem Spiel erklärte Gnipeur mit einem Lächeln: "Ich mag Offensivfußball. Zehn Tore sind gut fürs Geschäft." Ein Journalist fragte, ob er sich keine Sorgen um seine Defensive mache. "Doch", antwortete er, "aber heute war es wenigstens unterhaltsam." Colóns Spieler wirkten derweil ratlos. "Wir haben in der ersten Halbzeit alles richtig gemacht", meinte Kapitän Caneira, "und in der zweiten alles vergessen." Sein Blick sagte den Rest. Fazit: Wer an diesem Abend zu spät kam, verpasste mindestens zwei Tore. Wer pünktlich ging, sah immerhin vier. Und wer das ganze Spiel durchhielt, wird noch seinen Enkeln davon erzählen - vermutlich mit dem Zusatz: "Damals, als keiner verteidigen wollte." Nächste Woche darf Colón versuchen, wieder Ordnung ins Chaos zu bringen. Cerrense dagegen könnte überlegen, Eintritt für neutrale Zuschauer zu verlangen - Unterhaltungsgarantie inklusive. 26.11.643996 15:02 |
Sprücheklopfer
Wir hatten viele Verletzte, aber das soll den Sieg der Freiburger in keinster Weise schmeicheln.
Andreas Brehme