// Startseite
| Sportexpress |
| +++ Sportzeitung für Deutschland +++ |
|
|
|
31443 Zuschauer im Hordeler Stadion durften sich am Donnerstagabend über ein Fußballspiel freuen, das alles bot - außer einem gerechten Ergebnis. TuS Hordel bezwang den SV Warnemünde mit 1:0, doch wer nur auf die Statistik schaut, könnte glauben, der Computer habe sich vertippt: 18 Torschüsse der Gäste, 2 der Hausherren. Aber Fußball ist eben kein Excel-Dokument. Die Geschichte des Spiels begann, wie man sie aus schlechten Romanen kennt - der Außenseiter trifft, der Favorit verzweifelt. In der 20. Minute war es Gabriel Cunningham, der den Ball nach feinem Zuspiel von Gunborg Brun ins Netz drosch. Ein Treffer aus dem Nichts, aber mit Nachdruck. "Ich hab einfach mal draufgehalten. Wenn du in Hordel spielst, darfst du nicht lange nachdenken, sonst ist der Ball schon wieder weg", grinste der 20-Jährige nach Abpfiff. Danach entwickelte sich ein Spiel, das wohl als Lehrstück in Sachen Abwehrarbeit in die Vereinschronik eingehen wird. Warnemünde rannte, spielte, flankte - und scheiterte. Johannes Noll prüfte den Keeper gleich dreimal, Markus Brunner drosch den Ball in der 75. Minute aus fünf Metern über den Querbalken, und selbst Innenverteidiger Raphael Wilke durfte sich zweimal versuchen. Doch entweder stand irgendwo ein Hordeler Bein im Weg oder der Ball suchte sich freiwillig den Weg auf die Tribüne. "Wir haben alles versucht, nur getroffen haben wir nicht", sagte SV-Trainer Horst Horstmann mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen Galgenhumor und blankem Unverständnis lag. "Manchmal hat man das Gefühl, der liebe Fußballgott trägt ein Hordel-Trikot." Seine Mannschaft hatte über 57 Prozent Ballbesitz, kombinierte gefällig und spielte sich Chancen im Minutentakt heraus. Aber TuS Hordel, angeführt von der unerschütterlichen Trainerin Ute Finkeldy, verteidigte mit Leidenschaft und einer Prise Chaos. "Ich sag’s euch ehrlich", meinte Finkeldy später in der Pressekonferenz, "wir wollten eigentlich gar nicht so tief stehen. Aber die Jungs haben sich so wohl gefühlt da hinten, da wollte ich sie nicht stören." In der Halbzeit reagierte sie klug - oder glücklich, je nach Sichtweise. Drei Wechsel auf einmal: ein neuer Torwart, ein neuer Innenverteidiger, ein frischer Stürmer. Es war, als hätte sie ihre Mannschaft einmal durchgeschüttelt. Besonders der 33-jährige Keeper Karl Westphal, der für Kay Fuhrmann kam, wurde zum stillen Helden. Mit stoischer Ruhe pflückte er die Flanken aus der Luft, als seien es Äpfel im eigenen Garten. Warnemünde verließ sich weiter auf Flügelangriffe, stellte auf noch offensiveres Spiel um, drückte, biss, kämpfte - und verlor dabei fast die Contenance. In der Nachspielzeit sah Hordels Rechtsverteidiger Robert Held noch die Rote Karte, nachdem er Brunner unsanft zu Boden gebracht hatte. "Das war kein Foul, das war ein Statement", knurrte Held später, während er schon unter der Dusche stand. Die Fans feierten indes jeden Befreiungsschlag wie ein Tor. Als der Schlusspfiff ertönte, lagen sich Spieler und Trainerin in den Armen. Man hatte das Unmögliche möglich gemacht: ein Sieg gegen einen Gegner, der das Spiel dominierte, aber das Wichtigste vergaß - das Toreschießen. Gabriel Cunningham wurde von den Fans zum Helden des Abends erklärt. Der junge Stürmer posierte nach dem Spiel mit einem Fanplakat, auf dem stand: "Ein Schuss, ein Tor, TuS Hordel!" - eine treffende Zusammenfassung des Abends. Statistisch betrachtet war es ein Fußballspiel, das Lehrbuchautoren verzweifeln lässt: 18:2 Torschüsse für Warnemünde, 58 Prozent gewonnene Zweikämpfe für die Gäste, mehr Ballbesitz, mehr Passgenauigkeit - und trotzdem null Punkte. Vielleicht, so meinte Horstmann zum Abschied, "sollten wir beim nächsten Mal einfach mal weniger schön spielen und dafür treffen". TuS Hordel dagegen feierte den Sieg, als hätte man gerade den Aufstieg klargemacht. "Ich sag’s immer wieder: Wir sind keine Ballkünstler, wir sind Ballverhinderer", lachte Finkeldy, bevor sie sich mit einem Stück Schokoladenkuchen in die Kabine verabschiedete. Und so bleibt vom 22. Spieltag der 2. Liga vor allem eine Erkenntnis: Manchmal braucht es keinen taktischen Masterplan, keine überlegene Technik, keine Datenanalyse. Manchmal reicht ein beherzter Schuss, eine Mauer aus Glück - und ein Stadion, das an Wunder glauben will. Denn in Hordel, das wissen sie jetzt sicher, zählt am Ende nicht, wer den Ball hat - sondern wer ihn einmal richtig trifft. 12.03.644000 17:56 |
Sprücheklopfer
Irgendwann mal wieder gewinnen, und das versuchen wir zu probieren.
Oliver Kahn auf die Frage, was man denn gegen die Krise tun könne