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Es gibt Fußballabende, an denen man nach 15 Minuten schon ahnt, wie das enden wird. Der 34. Spieltag der 2. Liga Deutschland gehörte dazu. 30.583 Zuschauer kamen ins altehrwürdige Stadion von Gelsenkirchen 04, viele in der Hoffnung auf ein versöhnliches Saisonfinale. Sie bekamen - nun ja - immerhin ehrlichen Fußball. Und drei Tore. Allerdings alle auf der falschen Seite. TuS Hordel gewann mit 3:0 (2:0) und zeigte den Hausherren eindrucksvoll, was "Offensivgeist" bedeutet. Schon der erste Angriff der Gäste roch nach Unheil: Nach exakt einer Minute prüfte Tim Pfeiffer den jungen Keeper Wilhelm Preuss, der den Ball mit den Fingerspitzen über die Latte lenkte. Hordel hatte da offenbar beschlossen, den Abend als Schießstand zu nutzen. 19 Torschüsse sollten es am Ende werden - gegenüber einem einzigen Versuch der Gelsenkirchener. "Ich hatte fast Mitleid mit unserem Statistik-Team", seufzte Trainer Andreas Meyer später. "Die mussten ja kaum was tippen." Die Überlegenheit der Gäste war so eindeutig, dass selbst der Stadionsprecher irgendwann ironisch fragte, ob der Ballbesitz von 61 Prozent für Hordel nicht eigentlich höher geschätzt werden müsse. In der 26. Minute fiel dann das logische 0:1: Fjodor Koroljuk, der bullige Mittelstürmer aus Minsk, wuchtete eine Hereingabe von Vincent Albinana kompromisslos in die Maschen. Der Jubel der mitgereisten Hordeler Fans klang nach: "Endlich einer, der weiß, wo das Tor steht", raunte ein Zuschauer auf der Haupttribüne, während Meyer an der Seitenlinie hilflos die Hände in die Taschen schob. Zwei Minuten später klingelte es erneut. Diesmal war es Marvin Fink, der mit einem frechen Schlenzer nach Vorlage von Linksverteidiger Kurt Herbst den Ball ins rechte Eck zirkelte. 0:2 - und noch nicht mal eine halbe Stunde gespielt. "Der Schiri hätte da ruhig mal abpfeifen können - aus Barmherzigkeit", witzelte ein Ordner zur Halbzeit. Gelsenkirchen versuchte es nach dem Wechsel mit gleich zwei kuriosen Wechseln: Torwart raus, Innenverteidiger rein - und umgekehrt. Robert Hein kam für Jannick Bach, Timo Preuss für Wilhelm Preuss. "Verzweiflung ist manchmal die Mutter der Taktik", meinte ein Kollege auf der Pressetribüne trocken. Viel änderte sich dadurch nicht. Hordel blieb gnadenlos zielstrebig, während Gelsenkirchen sich in harmlosem Ballgeschiebe übte. Der Ballbesitz von unter 40 Prozent fühlte sich für die Zuschauer wie 20 an. In der 47. Minute sah Hordels Abwehrchef Luke Kinsella Gelb - vermutlich aus purer Langeweile, weil er endlich auch mal im Spielbericht auftauchen wollte. Später, in der 82. Minute, holte sich Bernt Albrecht auf Gelsenkirchener Seite ebenfalls eine Verwarnung ab. Es war die einzige Szene, in der die Heimmannschaft tatsächlich Zweikampfhärte zeigte. Das endgültige Ende aller Resthoffnung kam in der 78. Minute. Wieder Marvin Fink, wieder eiskalt. Diesmal war es Curt Schöne, der den Pass servierte. Fink nahm den Ball mit der Brust an, schaute kurz - und schob lässig ins lange Eck. Sein zweiter Treffer, das 0:3, war so elegant, dass selbst einige Heimfans kurz klatschten. "Ich hab einfach Spaß am Spiel", grinste Fink nach Abpfiff. "Wenn der Ball läuft, läuft’s eben." Trainerin Ute Finkeldy von Hordel zeigte sich nachher gewohnt nüchtern: "Wir haben unseren Plan durchgezogen - lang spielen, schnell nachrücken, konsequent abschließen." Ein Plan, der aufging. Gelsenkirchens Coach Meyer hingegen suchte nach Worten: "Ich weiß nicht, ob wir müde, nervös oder einfach höflich waren. Wir haben Hordel eingeladen, und sie haben’s angenommen." Statistisch gesehen war es eine klare Angelegenheit: 19:1 Torschüsse, 61 Prozent Ballbesitz, fast doppelt so viele gewonnene Zweikämpfe. TuS Hordel spielte, als ginge es um den Aufstieg, während Gelsenkirchen 04 wirkte, als denke man schon an den Sommerurlaub. Beim Abpfiff pfiff das Publikum - aber eher müde als wütend. Ein älterer Herr auf der Gegengeraden brachte es auf den Punkt: "Manchmal ist Fußball eben gerecht." Und tatsächlich: Wer so passiv auftritt, bekommt eben drei Buden eingeschenkt. Am Ende blieb die Erkenntnis, dass TuS Hordel nicht nur den Sieg, sondern auch die Sympathien mitnahm. Und Gelsenkirchen 04? Die müssen sich fragen, ob man mit "offensiver Ausrichtung" wirklich das meinte, was die Statistik zeigte: viel Platz - nur leider für den Gegner. Vielleicht tröstet sie der Gedanke, dass nach unten nichts mehr passieren kann. Und dass man nächste Woche beim Trainingsauftakt immerhin wieder bei null anfängt - im wahrsten Sinne des Wortes. 04.05.643990 13:19 |
Sprücheklopfer
Wenn ein Tor fällt, können noch mehr fallen. Aber es muss erst mal eins fallen.
Erich Ribbeck