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Ein warmer Abend in Uruguay, 35.360 Zuschauer, ein prall gefülltes Estadio Cerrense - und am Ende ein Ergebnis, das auf der Anzeigetafel fast ein wenig unhöflich blinkte: 1:4. UD Liverpool war an diesem 33. Spieltag der 1. Liga Uruguay schlicht zu clever, zu präzise, zu… britisch nüchtern, wenn man so will. Während CD Cerrense mit 56 Prozent Ballbesitz den optisch überlegenen Eindruck machte, schossen die Gäste aus Montevideo 18‑mal auf das Tor - und trafen viermal. Effizienz in Reinkultur. Schon in den ersten Minuten schien alles nach Plan für die Hausherren zu laufen. Kay Schäfer prüfte nach 60 Sekunden den Gästetorwart, Joao Mendes versuchte es kurz darauf - der Ballbesitz war fest in Cerrense‑Hand, das Publikum summte zufrieden. Doch UD Liverpool lauerte. "Wir wussten, sie spielen gern schön. Wir wollten nur spielen - effektiv", grinste Trainer Savo Partizan nach dem Spiel und zwinkerte Richtung Pressevertreter. In der 33. Minute fiel dann der erste Stich: Josip Bosnjak, der flinke Linksfuß der Gäste, zog aus 18 Metern ab - unhaltbar. Vorlage kam von Zeeman Putnam, der auf der rechten Seite so viel Platz hatte, dass er vermutlich noch eine Postkarte hätte schreiben können. Acht Minuten später erhöhte Rechtsverteidiger Asier Suarez nach einer Kombination über Bosnjak auf 0:2. "Ich bin eigentlich kein Torjäger", meinte Suarez später lachend, "aber wenn man mir so viel Raum lässt, nehme ich das Geschenk an." Cerrense‑Coach Leahcim Gnipeur wirkte zu diesem Zeitpunkt, als würde er gern selbst auf den Platz rennen. "Wir haben das Spiel kontrolliert, aber das Tor getroffen haben die anderen", murmelte er später, halb trotzig, halb resigniert. Nach der Pause kam es noch dicker. Kaum wieder angepfiffen, stand Julian Mascarenhas allein vor Torwart Thierry Benveniste - 0:3. Die Vorlage? Natürlich wieder Bosnjak, der an diesem Abend offenbar beschloss, alle Statistiker glücklich zu machen. Der 20‑jährige Mascarenhas jubelte, als hätte er gerade das WM‑Finale entschieden. "Ich habe gar nicht gesehen, dass der Ball drin war", gab er zu, "ich hab’s an der Stille im Stadion gemerkt." Cerrense brauchte bis zur 69. Minute für ein Lebenszeichen - und das war immerhin sehenswert. Rechtsverteidiger Alejandro Nani zog aus gut 25 Metern ab, der Ball flatterte, das Netz zappelte. Vorlage von Innenverteidiger Xabier Sainz, der kurz darauf wie ein stolzer großer Bruder den Torschützen umarmte. "Das war der Moment, in dem das Stadion wieder atmete", erzählte ein Zuschauer später, "wir glaubten für drei Minuten an ein Wunder." Doch UD Liverpool dachte gar nicht daran, Gnade walten zu lassen. In der 78. Minute schloss Dorde Basa einen Konter ab, mustergültig bedient vom frisch eingewechselten Jean‑Pierre Benoist. 1:4 - und danach war die Luft raus. Die letzten zwölf Minuten bestanden aus verzweifelten Flanken, drei Gelben Karten für Cerrense (Sa Pint 66., Tonel 88., Nani 90.) und einem Schiedsrichter, der wohl innerlich längst auf dem Heimweg war. Man könnte sagen, Cerrense spielte den schöneren Fußball - aber Schönheit gewinnt nun mal keine Punkte. 44 Prozent gewonnene Zweikämpfe, sieben Torschüsse, drei Gelbe Karten: Das ist kein Rezept für eine Gala. UD Liverpool dagegen blieb ruhig, spielte "Offensive, balanced, sure" - wie es in der Taktiktafel des Trainers stand - und brachte die Sache trocken zu Ende. Trainer Partizan fasste es nach Abpfiff mit der ihm eigenen Lakonie zusammen: "Wir hatten heute vier Chancen, vier Tore, viermal gejubelt. Ich mag einfache Mathematik." Sein Gegenüber Gnipeur hingegen blickte in die Ferne der leeren Tribünen: "Wir wollten zeigen, dass wir Fußball spielen können. Jetzt wissen wir, dass wir auch kämpfen müssen." Ein kleiner Junge mit Cerrense‑Schal rief beim Rausgehen zu seinem Vater: "Papa, warum haben die anderen so oft geschossen?" Der Vater antwortete trocken: "Weil sie durften, mein Sohn." Am Ende bleibt ein Abend, der zeigte, dass Ballbesitz kein Allheilmittel ist und dass UD Liverpool eine erstaunliche Mischung aus kalter Präzision und unaufgeregter Spielfreude verkörpert. Für Cerrense war es eine schmerzhafte Lehrstunde - aber vielleicht auch der Beginn einer neuen Erkenntnis. Oder wie Leahcim Gnipeur beim Hinausgehen brummte: "Manchmal lernt man mehr in einer Niederlage als in zehn Siegen. Aber vier Tore sind trotzdem zu viel Unterricht." 04.02.643997 01:44 |
Sprücheklopfer
Ottmar Hitzfeld ist noch nie auf die Tribüne verbannt worden, ich auch nicht. Aber bei mir wird es sicher nicht mehr lange dauern.
Matthias Sammer