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Ein lauer Samstagabend, Flutlicht, 34.162 Zuschauer und das Gefühl, dass in Köpenick eigentlich nichts schiefgehen kann. Doch dann kam der SV Beuel. Und was zunächst nach einem lauen Pflichtsieg aussah, endete in einem 2:4 aus Sicht der Eisernen - einem Ergebnis, das in seiner Deutlichkeit selbst die Berliner Eckkneipen kurz verstummen ließ. Union begann, wie man es von einem Heimteam erwartet: forsch, druckvoll, mit 53 Prozent Ballbesitz und einer ordentlichen Portion Selbstvertrauen. Bereits in der ersten Minute prüfte Innenverteidiger David Rivilla den Beueler Keeper Herbert Dahlstrom mit einem satten Schuss. Trainer Roter Jan brüllte von der Seitenlinie: "So, Jungs, jetzt wird’s ernst!" - ein Satz, der rückblickend fast prophetisch wirkte. Doch Beuel, von Trainer Rene Kuhl mit dem charmant trockenen "Wir sind ja nicht zum Sightseeing hier" eingestellt, stand kompakt und lauerte. In der 26. Minute war es dann so weit: Horst Geier, eigentlich Innenverteidiger, stieg nach einer Ecke höher als alle anderen und köpfte zur Führung ein. "Ich hab einfach mal gemacht", grinste der 22-Jährige später. Union brauchte einige Minuten, um den Schock zu verdauen, fand dann aber über den agilen Julius Jakob zurück ins Spiel. Der Mittelfeldmann traf in der 36. Minute nach feinem Zuspiel von Heinz Eckert zum 1:1. "Ich hab den Ball gesehen und gedacht: Ach komm, machste ihn halt rein", sagte Jakob - eine Erklärung, so schnörkellos wie der Schuss selbst. Mit diesem 1:1 ging es in die Kabinen. Roter Jan schien dort die Lautstärke eines Düsenjets erreicht zu haben, denn Union kam mit wutrotem Kopf aus der Halbzeit. Doch wer dachte, die Berliner würden das Spiel jetzt drehen, wurde eines Besseren belehrt. In der 53. Minute kombinierte Beuel über die linke Seite: Joonas Kallio legte quer, José Galisteo schob eiskalt ein. 1:2. Nur fünf Minuten später erhöhte Bailey Galbraith - nach Vorarbeit von Innenverteidiger Javier Albinana, der plötzlich als Spielmacher glänzte - auf 1:3. "Ich hab ihm gesagt, er soll mal einen riskanten Pass spielen", lachte Trainer Rene Kuhl später. "Dass der Ball dann beim Stürmer landet, war natürlich ganz nach meinem Geschmack." Union reagierte, brachte den 18-jährigen Kay Nickel und Benyamin Preuss, um frischen Wind zu erzeugen. Und tatsächlich: In der 59. Minute traf Jan Betz nach Vorarbeit von Niels Steiner zum 2:3. Das Stadion bebte, die Hoffnung keimte. "Da dachte ich, jetzt kippt das Ding", gab Betz später zu. Doch Beuel blieb eiskalt. In der 69. Minute setzte Vladimir Valachovic, der auffälligste Mann auf dem Platz, den Schlusspunkt. Nach einem Pass von Yves Bridges zog er trocken ab - 2:4. "Ich hab gar nicht groß überlegt", sagte Valachovic. "Wenn du triffst, bist du der Held. Wenn nicht, fragt keiner danach." Union rannte an, hatte durch Curt Scholz und den jungen Nickel noch Möglichkeiten, aber die Präzision fehlte. 15 Torschüsse blieben ohne den gewünschten Effekt. Beuel dagegen nutzte vier seiner 19 Versuche - eine Effizienz, die jedem Controlling-Lehrbuch gefallen hätte. Nach dem Abpfiff stand Trainer Roter Jan mit verschränkten Armen vor der Bank. "Wir hatten genug Chancen, um zwei Spiele zu gewinnen", knurrte er. "Aber wenn du hinten so schläfst, kannst du auch gleich Kaffee kochen." Sein Gegenüber Rene Kuhl konterte trocken: "Ich trinke lieber Tee - aber mit vier Toren schmeckt der besonders gut." Die Fans der Eisernen applaudierten trotzdem. Vielleicht, weil sie wussten, dass solche Abende dazugehören. Vielleicht auch, weil sie ahnten, dass Beuel an diesem Tag einfach besser war - kälter im Kopf, klarer im Abschluss. Und während die Gäste jubelnd in die Kabine verschwanden, war auf der Heimtribüne schon die erste ironische Parole zu hören: "Union, wir brauchen dich - aber bitte mit Abwehr!" Ein Abend, der zeigte, dass Fußball kein Rechenexempel ist. 53 Prozent Ballbesitz, 49 Prozent Zweikampfquote, 15 Torschüsse - all das half nichts gegen die kalte Beueler Präzision. Und so ging ein Spiel zu Ende, das in Köpenick wohl noch eine Weile für Gesprächsstoff sorgen wird. Oder, wie ein älterer Fan beim Bierstand murmelte: "So lange wir wenigstens schöner verlieren als Hertha, ist alles in Ordnung." 15.11.643996 05:07 |
Sprücheklopfer
Das sind Gefühle, wo man schwer beschreiben kann.
Jürgen Klinsmann