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Varese siegt spät - Brescia scheitert trotz Überlegenheit

Wenn Dominanz Punkte zählen würde, hätte US Brescia an diesem Dienstagabend locker die dritte Pokalrunde erreicht. Doch Fußball bleibt eben ein Sport, in dem Tore und nicht Ballbesitzstatistiken entscheiden. 57 Prozent Ballbesitz, zehn Torschüsse, aber am Ende stand ein ernüchterndes 1:2 (0:0) gegen AS Varese auf der Anzeigetafel. 50.000 Zuschauer im Stadio Comunale erlebten einen Pokalkrimi, der sich erst spät entschied - und bei dem die Gäste aus Varese eiskalt zuschlugen.

Die ersten 45 Minuten waren ein Musterbeispiel für das, was Trainer Peter Hess nach dem Spiel "kontrollierte Leidenschaft ohne Zielwasser" nannte. Brescia drückte, kombinierte gefällig, und Emil Musiala versuchte sich schon in der 5. Minute mit einem strammen Schuss, den Vareses Keeper Toni Sjölund gerade noch an den Pfosten lenkte. Auf der Gegenseite prüfte Joseph Schuster den Brescia-Torwart Nevio Viana, doch auch der blieb hellwach.

"Wir hatten das Spiel im Griff, aber irgendwie war der Ball allergisch gegen die Linie", scherzte Hess später mit einem bitteren Grinsen. Tatsächlich fehlte es Brescia an Präzision - und vielleicht auch an Glück. Kai Craven und Samuel Barrymore verfehlten knapp, und als Musiala kurz vor der Pause aus 20 Metern abzog, rauschte der Ball haarscharf über die Latte.

Nach dem Seitenwechsel kippte das Spiel kurzzeitig. Varese, zuvor eher zurückhaltend, nutzte eine Standardsituation eiskalt aus. In der 53. Minute stieg Innenverteidiger Noe Celis nach einem Eckball am höchsten und köpfte zum 0:1 ein - mit freundlicher Unterstützung von Brescias Abwehr, die kollektiv überlegte, ob man wohl noch Zeit hätte, den Rückweg aus der Kabine zu beenden. "Wir üben das jeden Donnerstag", grinste Celis nach dem Spiel. "Manchmal klappt’s ja auch mal."

Doch Brescia reagierte. Neun Minuten später riss das Stadiondach fast ab, als Nicola Albi nach feiner Vorarbeit von Linksverteidiger Pedro Meireles den Ball zum 1:1 ins Netz jagte. Hess sprang jubelnd an die Seitenlinie, während die Fans schon vom Weiterkommen träumten. "Da war Feuer drin", sagte Meireles später, "aber Feuer allein schmilzt keine Abwehr."

Und das sollte sich bewahrheiten. Denn in der 70. Minute schlug Varese erneut zu - diesmal in Person von Rechtsverteidiger Nathan Nelis, der sich offenbar kurzzeitig in einen Außenstürmer verwandelte. Nach einem Pass von Hans Ostrander donnerte Nelis den Ball mit dem rechten Spann unter die Latte - ein Tor, das man so wohl nur einmal im Leben trifft. "Ich wollte eigentlich flanken", gab er danach lachend zu. Trainer Georg Wagner kommentierte trocken: "Dann soll er bitte öfter flanken."

Brescia warf in der Schlussphase alles nach vorn, Musiala rannte, Craven rang, Danielsen köpfte - aber das Tor blieb wie verhext. Der letzte Versuch in der 89. Minute, ein Kopfball von Jacob Danielsen, landete in den Armen von Sjölund. Varese verteidigte mit Leidenschaft, Gelb sahen sie dabei zweimal - Angelo Carlucci früh (8.) und Tyler Nicksay direkt nach der Pause (47.) -, doch am Ende reichte es.

"Wir sind heute nicht die bessere Mannschaft gewesen, aber die effektivere", gab Wagner unumwunden zu. "Manchmal reicht das im Pokal." Sein Gegenüber Hess dagegen wirkte gefasst, fast schon philosophisch: "Der Pokal hat seine eigenen Gesetze - und offenbar auch eigene Mathematik."

Statistisch gesehen hatte Brescia alle Trümpfe in der Hand: mehr Schüsse, mehr Ballbesitz, mehr Spielidee. Doch Varese war effizienter, zielstrebiger - und vielleicht auch einfach abgezockter. In der Nachspielzeit jubelten die mitgereisten rund 2.000 Fans, während die Heimkurve in melancholischem Schweigen verharrte.

Auf dem Rückweg in die Kabine klopfte Hess seinem jungen Mittelfeldmotor Musiala auf die Schulter. "Kopf hoch", sagte er. "Wenn wir so spielen, gewinnen wir neun von zehn Spielen." "Und das zehnte?", fragte Musiala. Der Trainer lächelte müde: "Das war heute."

So endet eine Partie, die alles hatte - Spannung, Emotionen, ein bisschen Slapstick in der Abwehr und zwei eiskalte Gäste-Tore. AS Varese zieht in die dritte Runde des Pokals ein, während US Brescia sich mit dem Wissen trösten darf, dass Schönheit im Fußball eben kein Preisgeld bringt.

Oder, wie ein alter Fan auf der Tribüne es nach Abpfiff formulierte: "Wir haben schön verloren - aber schön hilft halt nix."

07.03.644003 05:15
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