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Es war einer dieser Abende, an denen man sich fragt, ob der Gegner eigentlich mit dem Bus oder mit dem Kinderkarussell angereist ist. 2018 Zuschauer im Kahler Stadion sahen am Montagabend ein Spektakel, das für den SV Bonlanden eher unter der Rubrik "Lehrfilm: Wie man sich nicht verteidigt" abgelegt werden dürfte. Viktoria Kahl gewann am 33. Spieltag der Landesliga 21 mit 6:0 - und das schon zur Halbzeit. Danach wurde nur noch gespielt, weil der Schiedsrichter auf die Einhaltung der Regularien bestand. Schon in der 5. Minute begann das Unheil für die Gäste: Der 19-jährige Bernardo Alvar, ein Wirbelwind auf der linken Seite, traf nach feinem Zuspiel von Mittelfeldmotor Kurt Otto zum 1:0. "Ich hab einfach durchgezogen, da war gar keine Zeit zum Denken", grinste Alvar später und deutete auf seine Schuhe: "Die haben heute einfach gewollt." Bonlanden wackelte, Kahl roch Blut. In der 16. Minute legte Teenager Mike Becker nach - der erst 17-Jährige hämmerte den Ball so trocken ins Netz, dass Bonlandens Keeper Niels Hofer vermutlich heute noch überlegt, ob er hätte springen sollen. 2:0. Und Viktoria machte weiter. Kurt Otto, der die Fäden im Mittelfeld zog, hatte offensichtlich beschlossen, den Gästen einen unvergesslichen Abend zu bereiten. In der 24. Minute servierte er mustergültig auf Heinz Haase, der aus spitzem Winkel einschob. 3:0. Sechzehn Minuten später wieder das gleiche Duo: Otto legt auf, Haase vollendet - 4:0. Trainer der Viktoria, ein sichtlich entspannter Herr im grauen Pullover, kommentierte das Treiben an der Seitenlinie lakonisch mit: "Ich hab den Jungs vor dem Spiel gesagt, sie sollen Spaß haben. Ich wusste nur nicht, dass sie es so wörtlich nehmen." Doch damit nicht genug: Nur eine Minute nach Haases zweitem Treffer klingelte es erneut. Wieder Mike Becker, diesmal von rechts, nachdem Bonlandens Abwehr kollektiv beschlossen hatte, sich lieber das Spiel aus der Zuschauerperspektive anzusehen. 5:0. In der 41. Minute krönte Becker seinen Abend - und vermutlich auch seine Woche - mit seinem dritten Tor. 6:0. Der junge Mann hatte nun so viele Bälle im Netz versenkt wie andere in einer halben Saison. "Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll", stotterte Becker in der Mixed Zone. "Vielleicht, dass ich morgen schulfrei kriege?" Bonlanden? Nun ja. Die Gäste hatten drei Torschüsse im ganzen Spiel und wirkten, als wollten sie lieber zuhause bleiben. Leon Adam versuchte sich in der 3. und 88. Minute an einem Abschluss - beides Male landete der Ball irgendwo zwischen Eckfahne und Parkplatz. "Wir wollten defensiv stabil stehen", erklärte Bonlanden-Trainer trocken, "aber dann kam das Spiel dazwischen." Die zweite Halbzeit verlief für Kahl eher wie ein Trainingsspiel unter Flutlicht. Ein paar nette Kombinationen, noch ein Dutzend Torschüsse, aber keine weiteren Tore - vielleicht aus Rücksicht, vielleicht aus Erschöpfung. In der 77. Minute sah Rechtsverteidiger Jürgen Mai Gelb, drei Minuten später Gelb-Rot. "Ich wollte nur mal testen, ob der Schiri mich mag", witzelte der 19-Jährige später. Statistisch war alles eindeutig: 21:3 Schüsse aufs Tor, 55 Prozent Ballbesitz, 58 Prozent gewonnene Zweikämpfe - Viktoria Kahl spielte wie im Rausch. Der Gegner dagegen so, als sei er noch im Pfingsturlaub. Nach dem Spiel blieb der Applaus der 2018 Zuschauer lange stehen. Die Fans sangen, die Spieler tanzten, und Mittelfeldmann Kurt Otto fasste es trocken zusammen: "Wir wollten zeigen, dass wir Fußball können - und das haben wir dann halt gezeigt." Bonlanden verließ das Stadion leise, vermutlich dankbar, dass es keine Verlängerung gab. Und Viktoria Kahl? Die haben an diesem Abend eindrucksvoll bewiesen, dass man auch in der Landesliga mit jugendlichem Übermut und Spielfreude ein Feuerwerk abbrennen kann. Sechs Tore, drei Torschützen, null Gnade - das war kein Spiel, das war eine Machtdemonstration. Oder, wie es ein älterer Fan auf der Tribüne murmelte, während er zufrieden den letzten Schluck Bier nahm: "Wenn’s läuft, dann läuft’s - und heute lief’s halt wie geschmiert." 06.07.644000 20:30 |
Sprücheklopfer
Jeremies hat in alter Manier um sich geschlagen.
Rainer Bonhof zu den Trainingseindrücken des während der WM 98 angeschlagenen Jens Jeremies