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Wenn ein Spieler einen Sahnetag erwischt, dann sieht selbst ein 4:0 aus wie ein freundlicher Gruß an die Konkurrenz. Henrich Hlinka, Hannovers bulliger Linksaußen mit dem Gespür für Timing und Eigensinn, schoss den 1. FC Eschborn am 24. Spieltag der 1. Liga Deutschland quasi im Alleingang aus dem Stadion. Drei Tore (17., 20. und 95. Minute) gehen auf sein Konto, dazwischen traf Aldo Locatelli (46.) - und die 43 500 Zuschauer in der ausverkauften Arena bekamen eine Vorstellung, die sie wohl noch eine Weile weitererzählen werden. Schon in den ersten Minuten war klar: Hannover hatte vor, die wintermüde Liga ordentlich wachzurütteln. Zwar gehörte der Ballbesitz laut Statistik leicht den Gästen (51 zu 49 Prozent), doch was Eschborn mit dem Leder anfing, erinnerte eher an eine gemächliche Trainingsform. Hannover dagegen spielte zielstrebig, direkt, manchmal frech - und Hlinka hatte offenbar beschlossen, dass an diesem Abend jeder Ball Richtung Tor gehörte. In der 17. Minute eröffnete er den Torreigen: Nach klugem Zuspiel von Routinier Oscar Camara stand Hlinka frei und drosch den Ball unhaltbar unter die Latte. Drei Minuten später wiederholte er das Kunststück - diesmal nach Vorlage von Damir Komljenovic. "Ich dachte, der Schiedsrichter pfeift ab, weil’s zu einfach aussah", grinste Hlinka später in die Kameras. Trainer Daniel Dietrich kommentierte trocken: "Henrich hat wohl beschlossen, dass er heute seinen Vertrag verlängern will - auf dem Platz." Eschborns Trainer Yas Sin hingegen sah schon früh die Zeichen der Überforderung. Noch vor dem Wiederanpfiff zur zweiten Halbzeit wechselte er gleich dreimal - darunter auch den Torhüter. "Manchmal muss man das Spiel neu starten, auch wenn’s noch läuft", erklärte er später mit einem gequälten Lächeln. Der neue Keeper Amaury Alvarez konnte einem fast leidtun: Sein erster Ballkontakt war das Herausholen des dritten Gegentreffers. Denn kaum war die zweite Halbzeit angepfiffen, stand es 3:0. Aldo Locatelli, zuvor schon auffällig quirlig, vollendete nach einer Ecke von Maximilian Schwab per Direktabnahme. Die Eschborner Defensive wirkte in diesem Moment wie ein Kartenhaus im Wind - ein kräftiger Hauch von Lokalkolorit, und alles fiel in sich zusammen. Hannover spielte weiter, als sei das Ergebnis nebensächlich. 21 Torschüsse verzeichneten die Statistiker am Ende - und das Gefühl, dass jeder zweite davon gefährlich war. Bei Eschborn waren es ganze drei Versuche, die Torwart Pauel Westerveldt mit stoischer Ruhe abfing. "Ich hätte mir fast eine Thermoskanne mitgebracht", witzelte der Keeper nach dem Spiel. "So kalt war mir im eigenen Strafraum selten." Zwischenzeitlich gönnte sich Trainer Dietrich den Luxus, frische Kräfte zu bringen: Cristobal Maniche kam für Bernardo Ochoa, Bruno Castel ersetzte Owen Macleod - und beide fügten sich nahtlos ein. Castel probierte es in der 81. Minute sogar selbst, zielte aber etwas zu genau auf den Gästetorwart. Eschborn hingegen kämpfte tapfer, aber ohne Fortune. Die jungen Joker Marvin Wegner und Johannes Nowak bemühten sich redlich, doch gegen Hannovers robuste Defensive um Schwab und Dylan Carr gab es kaum ein Durchkommen. Ein Schuss von Wilhelm Holz in der 78. Minute war das einzige Lebenszeichen - sinnbildlich, dass der Ball weit über das Tor segelte. Und dann kam die Nachspielzeit. 95. Minute, der Schiedsrichter hatte schon die Pfeife in der Hand, als Camara sich noch einmal durch das Mittelfeld tankte. Ein kurzer Pass - natürlich auf Hlinka. Der zog ab, der Ball zappelte im Netz, und das Stadion explodierte. 4:0. Hattrick. Applaus in Moll für Eschborn, Jubel in Dur für Hannover. "Ich hätte Henrich am liebsten nach dem zweiten Tor ausgewechselt - aus Selbstschutz für Eschborn", frotzelte Dietrich auf der Pressekonferenz. Hlinka konterte grinsend: "Dann hätte ich ja mein drittes verpasst. Und das war das schönste." Auch wenn der Ballbesitz leicht gegen Hannover sprach, war das Spiel eine Demonstration an Effizienz und Spielfreude. Die taktischen Notizen verrieten, dass Hannover nie in Panik verfiel - ausgewogen im Aufbau, stark im Zweikampf (57 Prozent gewonnen) und mit einer Prise Aggressivität, die man in Niedersachsen wohl "gesunde Härte" nennt. Für Eschborn bleibt die Erkenntnis: Manchmal reicht eine solide Statistik eben nicht, wenn der Gegner Hlinka heißt. "Wir haben es mit langen Bällen versucht", seufzte Trainer Sin, "aber es war wohl eher lang und sinnlos." Am Ende jubelte Hannover, Eschborn trottete Richtung Bus - und auf den Rängen summte man schon von der neuen "Hlinka-Show". Vielleicht kommt der 29-Jährige ja bald mit einem eigenen Fanclub aus der Kabine. Verdient hätte er’s. Ein Abend, an dem Hannover zeigte, wie schön Fußball sein kann, wenn man ihn einfach mal laufen lässt. Und Eschborn lernte, dass man gegen einen Hattrick-Tag nichts planen kann - außer vielleicht den Rückweg. 04.11.643987 10:20 |
Sprücheklopfer
Lorant ist von seinem Niveau her bei einem Verein, der sein Niveau hat.
Oliver Kahn