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44.499 Zuschauer im Stadion an der Bremer Brücke bekamen am Samstagabend ein Fußballspiel serviert, das in den ersten zwanzig Minuten nach Offensivfeuerwerk roch - und in den letzten zwanzig Minuten nach Nerventee. Am Ende siegte der VfL Osnabrück mit 2:1 gegen den 1. FC Eschborn, aber Trainer Carsten Baumann hatte nach Schlusspfiff noch das Adrenalin eines Fallschirmspringers in den Adern. "Ich hab ’ne Uhr, die misst meinen Puls - die hat irgendwann einfach aufgegeben", grinste Baumann, während er den Roten Marco Richter in die Kabine schickte. Der Linksfuß hatte in der 86. Minute die Nerven verloren und glatt Rot gesehen - der einzige wirkliche Schönheitsfehler in einem ansonsten couragierten Auftritt der Lila-Weißen. Das Spiel begann wie ein Überfall. Schon in der 4. Minute rauschte der 19-jährige Mark Ahrens über die linke Seite, bekam von Klaus Kirchner den Ball perfekt in den Lauf und vollendete eiskalt zum 1:0. "Ich hab gar nicht nachgedacht, einfach draufgehalten", sagte Ahrens später mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen Selbstbewusstsein und jugendlicher Unschuld pendelte. Osnabrück blieb dran, und nur zwölf Minuten später drehte sich der Vorlagengeber zum Vollstrecker: Kirchner selbst traf nach schöner Vorarbeit von Routinier Meik Beer zum 2:0. Da wähnte sich mancher Fan schon auf dem Weg zu einem geruhsamen Abend. Doch der Fußballgott liebt Dramatik - und offenbar auch Eschborns Rechtsaußen Jacob Holz. In der 38. Minute tauchte Holz nach feinem Zuspiel von Niklas Steffen im Strafraum auf und schob eiskalt zum 2:1 ein. "Wir haben da kurz die Ordnung verloren", knurrte Baumann später. "Und der Jacob hat halt einen Fuß wie ein Laserpointer." Von da an war’s ein anderes Spiel. Eschborn hatte etwas mehr Ballbesitz (51 Prozent) und sammelte am Ende sogar mehr Torschüsse (14 zu 12). Trainer Yas Sin, der gefühlt die gesamte zweite Halbzeit an der Seitenlinie stand wie ein aufgezogener Duracell-Hase, sah sein Team drängen, beißen und flanken. "Wir waren mutig, wir haben gedrückt", sagte er, "aber Osnabrück hat das mit viel Herz verteidigt - und mit etwas Glück." Dieses Glück hatte spätestens in der 86. Minute seinen großen Auftritt, als der bereits verwarnte Marco Richter im Zweikampf übermotiviert zu Werke ging. Der Schiedsrichter zückte Rot, und Eschborn roch Blut. Holz, Buchholz und Kavanagh feuerten noch drei Mal in Richtung Osnabrücker Keeper Karl Wagner, der allerdings an diesem Abend auf alles eine Faust oder ein Knie hatte. "Ich weiß nicht, woher das alles kam", sagte Wagner, "vielleicht vom Kaffee vor dem Spiel. Oder vom Angstschweiß." Carsten Baumann reagierte in der zweiten Halbzeit taktisch konservativ: nach 55 Minuten brachte er Robin Münch für den jungen Meik Hess in die Innenverteidigung und Marvin Kroll für Meik Beer, der nach seinem Assist alles gegeben hatte. "Wir wollten das Ergebnis über die Zeit bringen", erklärte Baumann trocken. "Klappt ja manchmal." Dass Eschborn in der Schlussphase trotz frischer Kräfte - Marvin Wegner und der 18-jährige Sven Will kamen in der 90. Minute - keine Lücke mehr fand, lag auch an Osnabrücks Einsatzbereitschaft. Trotz Unterzahl lief jeder für jeden. Besonders der 18-jährige Patrick Herrmann, der gleich drei gefährliche Abschlüsse hatte (53., 58., 61.), rannte, als ginge es um seine Abschlussprüfung. "Ich wollte einfach nicht, dass die Alten meckern", meinte er grinsend. Eschborns Trainer Yas Sin fasste es nachdenklich zusammen: "Wir haben mehr vom Spiel, aber weniger Tore. Das ist wie beim Poker: schön zu bluffen, aber am Ende zählt, wer die Chips hat." Osnabrück jubelte also über drei Punkte, die wichtiger waren, als sie auf dem Papier aussehen. Mit jetzt vier Siegen in Serie (so die Fans, die offenbar Statistiken lieben) darf man an der Bremer Brücke wieder ein bisschen träumen - auch wenn Baumann sofort den Zeigefinger hob: "Träumen ist schön, aber ich will, dass die Jungs morgen wieder laufen. Und zwar weit." Eschborn dagegen reist mit leeren Händen, aber erhobenem Kopf nach Hause. "Wenn wir so weiter spielen, holen wir unsere Punkte", sagte Torschütze Holz, während er sich die Schuhe auszog. "Nur halt bitte das nächste Mal ohne frühes 0:2." Fazit: Osnabrück startete wie ein Orkan, kämpfte wie ein Boxer in der zwölften Runde und rettete das 2:1 mit Zähnen, Klauen und etwas jugendlichem Wahnsinn über die Zeit. Es war kein Fußballfest, aber ein Fest für den Puls. Und wer in Osnabrück lebt, weiß: Genau so mögen sie es hier. 16.11.643987 00:20 |
Sprücheklopfer
Der sagt zu allem irgendwas. Stoßen in Tschechien zwei Spieler mit dem Kopf zusammen, weiß er, dass das in Leverkusen 1934 auch schon passiert ist.
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